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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Nun bis Núßbrêcher (Bd. 3, Sp. 537 bis 544)
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Artikelverweis  Nun, im gemeinen Leben Nu, eine Partikel, welche besonders in den figürlichen Bedeutungen im Deutschen von einem sehr vielfachen Gebrauche ist, und zur Ründe, Annehmlichkeit und Vollständigkeit der Rede überaus viel beyträgt. Sie wird so wohl eigentlich als ein Nebenwort der Zeit, als auch figürlich in Gestalt eines Bindewortes gebraucht.
   1. Eigentlich, als ein Nebenwort der Zeit, den gegenwärtigen Augenblick, die gegenwärtige Zeit zu bezeichnen. Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhen? Marc. 14, 41. Herr, nun lässest du deinen Diener in Friede fahren, Luc. 2, 29. Nun ist es Zeit zu gehen. Siehest du es nun? Hörest du es nun erst? Nun ists nicht mehr Zeit. Nun kommt er endlich einmahl. Aber was sagst du nun dazu? Man hat seit langer Zeit daran gearbeitet, nun ist die Sache endlich zu Stande gekommen.
   Ingleichen mit dem Vorworte von, von nun an, von dem gegenwärtigen Augenblicke, von der gegenwärtigen Zeit an. Im

[Bd. 3, Sp. 538]


Oberdeutschen verbindet man es auch mit bis, bis nun zu, bis jetzt, welches aber im Hochdeutschen ungewöhnlich ist.
   Nun und nimmermehr stehet sehr häufig mit einem Nachdrucke für niemahls. Nein, nun und nimmermehr soll das geschehen, Gell. Aber das Oberdeutsche nun und ewig für ewig, ist im Hochdeutschen ungewöhnlich. Doch wird der große Zorn nicht nun und ewig währen, Opitz.
    Und euch dahin gesetzet,
   Da nun und ewiglich kein Auge wird genetzet,
   Opitz. Oft bezieht sich das nun zugleich auf eine vorher gemeldete oder nachfolgende Sache, ohne doch die Bedeutung des gegenwärtigen Augenblickes oder doch der gegenwärtigen Zeit auszuschließen; ein Gebrauch, welcher das Band dieser eigentlichen Bedeutung der Zeit mit den folgenden figürlichen ausmacht. Ich will nun gerne sterben, nachdem ich dein Angesicht gesehen habe, 1 Mos. 46, 30 Wenn er nicht die Wahrheit sagt, wem soll man nun glauben? Er hat sie zur Frau verlangt, da sie arm war, nun soll sie ihn, da sie reich ist, zur Dankbarkeit heirathen, Gell. Wo auch das da wegbleiben kann, wobey sich zugleich das nun der folgenden Gestalt eines Bindewortes nähert: nun sie reich ist, soll sie u. s. f. Ich habe ihn immer geliebt, nun aber, da ich sehe, daß er meine Liebe mißbraucht, hat sie ein Ende; oder nun ich aber sehe, daß u. s. f.
   Oft gehöret das nun und die ganze Bestimmung der gegenwärtigen Zeit nicht wesentlich zu der Rede, sondern scheinet vornehmlich um des Nachdruckes willen da zu stehen. Wenn der Landmann in den frohen Saaten der reichen Ernte dankbar entgegen siehet und nun ein schreckliches Ungewitter seine ganze Hoffnung danieder schlägt, Sonnenf.
   In dieser ganzen Bedeutung der gegenwärtigen Zeit kommt nun mit jetzt überein, welches letztere man in der höhern Schreibart in diesem Verstande dem nun gern vorzieht. Allein, jetzt erstrecket sich weiter, und kann auch von einer den Augenblick vergangenen Zeit gebraucht werden, wo nun ungewöhnlich ist. Erst jetzt ist er weggegangen, nicht erst nun. So wie es auch die näher bestimmenden gleich und eben nicht vor sich leidet.
   Nu und Nuu werden zuweilen auch als Hauptwörter gebraucht, doch selten in der anständigen Sprechart. In einem Nu, in einem Augenblicke, wo Nun ungewöhnlich ist.
   Du sollst in einem Nu befreyet von Beschwerden,
   Ja gar ein großer König werden,
   Willam. S. die Anm. Das Nun oder Niemahls eines Christen.
   2. Figürlich, größten Theil in Gestalt eines Bindewortes, welches sich aber in gar vielfacher Gestalt zeiget. 1) Eine Folge, eine Wirkung, und zuweilen auch eine Schlußfolge zu begleiten. So beschneidet nun eures Herzens Vorhaut, 5 Mos. 10, 16. Bin ich nun Vater, wo ist meine Ehre? Mal. 1, 6. So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde u. s. f. Röm. 3, 28. Hast du nicht hören wollen, nun so magst du fühlen. 2) Ingleichen die wirkende Ursache. Was habe ich nunmehr zu hoffen, nun ich einen solchen Nebenbuhler habe? für nun da. S. die erste eigentliche Bedeutung. Nun du nicht kommen willst, so sollst du es auch nicht haben, für nun weil. Welche Ellipsen doch behuthsam zu gebrauchen sind, damit sie nicht zu hart werden. 3) Sehr häufig wird es in der erzählenden Art als eine bloße Verbindungs-Partikel der Glieder einer Erzählung gebraucht. Da sie nun nahe bey Jerusalem kamen, Matth. 21, 1. Nun war aber damahls ein Gebrauch u. s. f. Nun waren sie damahls nicht zugegen. Hier bemerkte ich nun ganz deutlich, oder nun bemerkte ich hier ganz deutlich. Für diesen Gewinst nun kaufe ich mir ein Haus. Glauben sie nun, daß sie ihnen an der Gemüthsart nicht gleicht, so lassen sie sie fahren. Wo

[Bd. 3, Sp. 539]


doch der allzu häufige Gebrauch dieser Partikel vermieden werden muß. 4) Eben so häufig dienet sie etwas einzuräumen, oder zuzugeben, besonders wenn es im Nachsatze compensiret wird. Nun ist zwar gewiß, aber u. s. f. Je nun, du bist freylich nicht die schönste, aber du wirst auch versorgt werden, Gell. Fliegen kann der Strauß nun wohl nicht, aber ich glaube, er muß gut laufen können, Less. Rathsherr möchte ich nun freylich gern werden, Raben. Nun sind freylich diese Töne sehr einfach, aber u. s. w. Er mag nun kommen, oder nicht. Sie mögen mich nun noch so sehr hassen, so werde ich mich doch nie beklagen, Gell. Das möcht ich nun nicht gern. 5) Ingleichen einen möglichen Fall zu begleiten. Wenn er nun nicht da ist? Wenn er sich nun nicht bessert? Wenn er nun die Nacht sterben sollte? Wenn ich nun auch so gedacht hätte? Wenn ich nun hundert Thaler gewönne, so wollte ich die Hälfte den Armen geben. Und wenn ich es nun wäre, was wolltest du da thun? 6) Ferner eine Versicherung, eine Bejahung anzukündigen, in der vertraulichen Sprechart. Nun wie, ich dir gesagt habe. Nun ja! eine Bejahung, welche oft einen Unwillen verräth. Eben dieser entschlossene Unwillen blickt auch in einigen der folgenden R. A. hervor. Ich kann ihn nun nicht leiden. Ich will es nun haben. Es ist nun einmahl so. 7) Oft dienet es auch in andern Fällen dem Unwillen oder dem Verweise zur Begleitung. Wer wird denn nun alle Worte auf die Goldwage legen? Was nun das für Dinge sind? Da hast du mir nun die ganze Sache verderbt. Nu, warte du, ich will dich schon wieder kriegen, Weiße. Nun, man sollte denken, du wüßtest es nicht. Nun, was das wieder für eine beleidigende Antwort ist. Nun, was soll denn das heißen? Was hätt ich aber nun die ganze Zeit vom Lachen? Rost. Was wird es denn nun seyn? 8) Ingleichen eine vertrauliche Frage anzufangen, wo es alle Mahl voran stehet. Nun, was fehlet ihnen? Nun, wie befinden sie sich? Nun, wie stehen unsre Sachen? Nun, wie gefällt ihnen mein Gärtchen? Nun, Friedrich, was willst du? Und zuweilen auch allein stehet, die Fortsetzung der Rede von dem andern heraus zu locken. Aber, liebste Themire! Them. Nun? Nerine ging vorhin in den Garten. Nun? und da verlohr sie es. 9) Ferner, eine Verwunderung zu begleiten, wo es gleichfalls die Rede anfängt. Nun, das muß ich bekennen! Nun, da ist mir ein rechter Stein vom Herzen! Nun, die muß recht beherzt gewesen seyn? Nun, so will ich doch so gern sehen, was daraus werden wird? Nu, ist doch alles ganz leer! 10) Wie auch einen vertraulichen Beyfall. Nun, das ist ja recht gut, daß du das gethan hast. Nun, wenn das ist. 11) Eine Aufmunterung, einen beherzten Entschluß. Nun, so sey es denn. Nun, so will ich denn kommen. Nun, so will ich es wagen. Nun, so erkläre dich deutlicher. Nun, so gib mir die Hand darauf. Nun, so sey es! 12) Ingleichen eine Besänftigung, wo es gemeiniglich verdoppelt wird. Nun, nun, wir wollen sehen. Nun, nun, wenn er dich auch Ein Mahl du hieße, Gell. Nun, nun, ich muß wissen, was an dir ist, ebend. Nu, nu, es wird schon wieder vergehen. Nun, nun, wenn das ist.
   Anm. Aus diesen und andern dergleichen Fällen mehr, welche hier um der Kürze willen übergangen werden, erhellet, daß diese Partikel im gemeinen Leben und der vertraulichen Sprechart ein sanftes Verbindungswörtchen ist, welches fast in allen Fällen gebraucht werden kann, wo keine mehr hervorstechende Partikel nöthig ist, die es oft bloß mildert, so wie es die meisten sanftern und gelindern Gemüthsbewegungen zu begleiten pflegt. Dieses Wörtchen lautet im gemeinen Leben nur nu, schon im Isidor, bey dem

[Bd. 3, Sp. 540]


Kero, Willeram u. s. f. gleichfalls nu, im Nieders. Dän. Schwed. Holländ. und Isländ. auch nu, bey dem Ulphilas nu und nuna, im Persischen nuh, im Russischen nu, im Böhm. nyni, nynckko, im Lat. nunc, im Griech. νυν, und, wenn es das Bindewort ist, ohne das Anfangs ουν, im Finnländ. mit einem andern Endlaute nyt. Ob es gleich viele Wahrscheinlichkeit hat, daß es mit nahe und neu verwandt ist, so scheinet es doch fast noch glaublicher, daß das Hauptwort Nu, ein Augenblick, noch die erste eigentliche Bedeutung aufbehalten hat, da es denn mit dem lat. nuere, Nutus, mit unserm nicken, neigen und nähen oder nahen, so fern es anfänglich überhaupt sich bewegen bedeutet hat, Eines Geschlechtes seyn würde. Es kann seyn, daß das Bindewort nun wenigstens in einigen Bedeutungen ein von dem Nebenworte nun ganz verschiedenes Wort ist; zumahl da dieses im Nieders. nu und im Griech. νυν, jenes aber im Griech. ουν und im Nieders. no lautet. Indessen lässet es sich nur muthmaßen, denn Beweise sind davon noch nicht geführet.
 
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Nunmêhr, ein Nebenwort der Zeit, welches in der feyerlichen Schreib- und Sprechart für nun gebraucht wird, wenn es das bloße Nebenwort der Zeit ist, und wenn dessen Kürze dem ernsten Gange und der Ründe der Rede nicht angemessen ist. Nunmehr sehe ich es wohl ein. Was habe ich nunmehr davon? Die Vernunft hat nunmehr über mein Herz gesiegt, Gell. Man hat lange daran gearbeitet, nunmehr ist die Sache endlich zu Stande gekommen. Oft stehet es auch, das Nebenwort von dem Bindewort zu unterscheiden, oder wenn die Zusammenkunft beyder einen Mißklang machen würde. Da nun viel Zeit vergangen war, und nunmehr gefährlich war zu schicken, u. s. f. Apostelg. 27, 9. Mehr scheinet hier bloß zur Verlängerung des Wortes da zu seyn. Bey den ältesten Oberdeutschen Schriftstellern findet sich dieses Nebenwort nicht.
 
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Nunmêhrig, das Beywort des vorigen Nebenwortes, was nunmehr ist oder geschiehet. Die nunmehrige Verfassung. In der anständigern Schreibart bedienet man sich dafür doch lieber des gleichbedeutenden jetzig. Als ein Nebenwort kann es sowie dasig, hiesig, nachmahlig, vorig, und andere von Partikeln gemachte Beywörter nicht gebraucht werden.
 
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1. Nur, ein Nebenwort der Zeit, welches nur in der vertraulichen Sprechart üblich ist, und vor sehr kurzer Zeit, vor einem Augenblicke bedeutet. Er ist nur hinaus gegangen, vor einem Augenblicke, eben jetzt. Ich hatte nur angefangen, als Cajus kam. Wir haben nur gegessen. Da dieses Nebenwort im Nieders. nuur, im Hannöverischen aber nuns lautet, dagegen die Niedersachsen das folgende Bindewort nicht kennen, so ist sehr glaublich, daß es von demselben völlig verschieden sey, und zu neu und neuerlich gehöre, aus welchem letztern es mit Wegwerfung des Endlautes zusammen gezogen zu seyn scheinet. Das Hannöversiche nuns stammet hingegen von nun ab.
 
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2. Nur, ein Bindewort, welches im Deutschen, so wie alle Partikeln dieser Art, von einem vielfachen Gebrauche ist. Es bedeutet,
   1. Eigentlich, eine Ausschließung aller andern Dinge, außer dem gemeldeten, und zwar
   1) Eine bloße Ausschließung, ohne allen Nebenbegriff, welche wiederum von mehrerer Art ist. (a) Die Ausschließung betrifft entweder eine größere Menge oder Zahl, da es denn für nicht mehr als, nicht länger als, nicht öfter als, u. s. f. stehet. Er hatte nur einen einzigen Freund. Gib mir nur ein wenig davon. Ich habe nur noch zwey Gulden übrig. Es kostet nur zehn Thaler. Gevatter, nur Ein Wort, mit dem Tone auf dem Ein, dagegen wenn nur, wie in der folgenden Bedeutung, alles andere außer einem kurzen Gespräche ausschließt, der Ton entweder auf den nur oder auch auf Wort lieget. Es sind nur

[Bd. 3, Sp. 541]


zwey Zimmer ledig. Es ist unrichtig, wenn in einigen Sprachlehren behauptet wird, nur werde oft zu dem Zahlworte ein gesetzet, um es von dem Artikel zu unterscheiden. Das Zahlwort ein nimmt diese Partikel nicht mehr und nicht weniger an, als ein jedes anderes Zahlwort, nehmlich nur dann, wenn eine größere Zahl ausdrücklich ausgeschlossen wird. Warte nur bis morgen. Nur dieß Mahl thue es, oder thue es nur dieß Mahl. (b) Oder eine jede andere Sache, als die gemeldet, für nichts als, allein. Sage ihm nur dieß, weiter nichts als dieß. Er hatte nur ein Hemd an, weitere nichts als ein Hemd, mit dem Tone auf dem nur; dagegen der Ton auf ein das Zahlwort bezeichnen, und der ganze Ausdruck so viel sagen würde, daß er nicht mehr Hemden als Eines angehabt habe. Nur der Zins macht jährlich hundert Thaler, der Zins allein, der bloße Zins. Ich will nur essen, will weiter nichts thun als essen. Nein, ich verlange nichts, du sollst mir nur verzeihen, Gell. Wenn ich entschlief, so traten nur ängstliche Träume an die Stelle banger Gedanken. Lassen sie es mich nur sehen. Wohin auch das so gebräuchliche nicht nur sondern auch gehöret, wofür man auch nicht allein sondern auch sagt. Ich habe es nicht gehöret, sondern auch gesehen. (c) Besonders, eine jede andere Absicht, einen jeden andern Bewegungsgrund auszuschließen. Er thut es nur aus Furcht, aus bloßer Furcht. Er verschenkte gern alles, nur um die Welt froh zu sehen. Nur um dich zu beruhigen, habe ich diesen Entschluß gefaßt. Ich will alle meine Ansprüche fahren lassen, nur damit ich sie nicht unglücklich mache. (d) Ingleichen eine jede andere Person, für niemand als. Nur ich bin in aller Absicht daran Schuld. So ein Mann nur konnte mein Schwiegersohn werden, oder nur so ein Mann u. s. f. Nur ein Freund schont die Eigenliebe nicht. Nur der ist unglücklich, der sich unter den Streichen der Zufälle beugt. Nur ich bin da gewesen.
   2) Eine solche Ausschließung mit allerley Nebenbegriffen.
   (a) Mit dem Nebenbegriffe der geringen Anzahl, der Kleinheit, und nach einer noch weitern Figur auch des geringen Werthes. Es sind ihrer nur zehen. Er ist zwanzig Jahr alt. Es ist nur fünf Ellen lang. Es ist nur ein geringer Mensch. Es ist nur schlecht. Ich will es ja nur sehen. Es ist ja nur eine Kleinigkeit. Aber Opitzens nur nicht für nicht Ein Mahl, ist im Hochdeutschen ungewöhnlich.
   Und wie ein Schaf den Mund im Scheren nur nicht rührt. (b) Eine Einschränkung oder Verminderung des vorher gegangenen. Ich legte mich schlafen, aber nur auf das Bett. Ich ließ es ihn merken, jedoch nur von weiten. Die meisten Menschen sind lasterhaft, nur einige mehr, andere weniger. (c) Oft auch eine Intension, eine Verstärkung. Das macht ihn nur stolz, das hat keine weitere Wirkung, als daß er dadurch stolz wird. Die Hindernisse, welche uns trennen, haben mein Verlangen nur gestärkt. Durch Bitten stärken wir nur ihren Eigensinn, Gell. Ich bin verdrießlich und werde es nur mehr, je mehr ich rede, ebend. Sie liebt ihn nur desto mehr, je mehr sie ihn für unschuldig hält, ebend.
   Will abwärts mit der Herde treiben,
   Und treibt nur mehr ans Ufer hin,
   Gell. So bald sich nur das geringste regt. Besonders vor den Wörtern gar zu. Das ist nur gar zu schlecht. Seine Gütigkeit ist nur gar zu groß.
   Anm. Der Standort des nur hängt in dieser ganzen Bedeutung von demjenigen Worte ab, auf welches sich die Ausschließung zunächst beziehet, indem es demselben so nahe stehen muß, als die übrige Construction es verstattet. Er weiß es nur besser, ist daher unrichtig; es sollte heißen: nur er weiß es besser, oder er

[Bd. 3, Sp. 542]


nur; denn es ist in den meisten Fällen gleichgültig, ob es vor oder nach dem Nennworte stehet, außer daß bey der Stellung vor demselben der Nachdruck gewinnet. Einige Tage sollten nur noch unsere Glückseligkeit verschieben; besser, nur noch einige Tage, oder einige Tage nur noch. Nur den Dichtern kann man es übersehen, wenn sie diese Partikel um des Reimes und Sylbenmaßes willen zuweilen aus ihrer gehörigen Stelle reißen.
   Wenn ich die Bitte dir gewähre,
   Gewähr ich dir dein Unglück nur,
   Gell. besser, gewähr ich dir nur dein Unglück.
   2. Figürlich, wo es als ein Bindewort eine vielfache Verrichtung hat. 1) Eine Ausnahme anzukündigen, für außer. Sie sind alle ganz, nur daß einige ein wenig gelitten haben, oder, nur einige haben ein wenig gelitten; wo es in die vorige ausschließende Bedeutung zurück tritt. 2) Eine Bedingung. Ich will es gern thun, nur heute nicht. Wie sie befehlen, nur daß ich mich nicht zu lange in der Luft aufhalten darf, Gell. Ich freue mich, sie bey mir zu sehen, nur bitte ich vorlieb zu nehmen. Ich will ihn aufnehmen, nur daß er fleißig sey, oder nur muß er auch fleißig seyn.
   Da hast du bare funfzig Thaler,
   Nur unterlasse den Gesang,
   Haged. 3) Eine Zulassung zu begleiten. Thue es nur. Du kannst nur hingehen. Besonders, wenn sie mit Gleichgültigkeit, ingleichen mit Unwillen und einer darin gegründeten Bedrohung verknüpft ist; wie immer und immerhin. Er kann nur kommen. Laß ihn nur kommen. Probire es nur. Verstellt euch nur, ich merk es schon, Gell. Nur sein höhnisch! Nur mit einer frommen alten Frau noch gespotter, ebend. Nur geweint, so machen es alle die, die kein gut Gewissen haben. 4) Ingleichen eine Ermahnung. Thue es nur auch. Wandelt nur würdiglich dem Evangelio, Phil. 1, 27. Mache nur nicht, daß ich Ernst gebrauche. Laß mich nur nicht wieder kommen. Ingleichen eine Aufmunterung, ein Antreiben, wo es die Rede anfängt. Nur fort! Nur heraus damit! Nur nicht zu lange nachgesonnen! Nur nicht zu weitläuftig, guter Thomas, Weiße. 5) Einen mit besorgendem Zweifel verbundenen Wunsch. Wenn er nur käme! Wenn ich nur ein wenig davon hätte! Ach, wenn er doch nur gleich da wäre! Ingleichen eine Besorglichkeit überhaupt zu begleiten. Wenn er nur auch zu Hause ist. Wenn ichs nur haben kann. Wenn ich ihm nur nicht zu ungelehrt bin. 6) Oft dienet es auch den Gegenstand der Rede mit Nachdruck auszudehnen, dessen Allgemeinheit nachdrücklich zu bestimmen, alle Ausnahmen auszuschließen. Wer nur kommt, der wird aufgenommen, ein jeder welcher kommt. Wer es nur verlangt, der bekommt es, ein jeder ohne Unterschied. So viel er nur aufbringen kann. Wozu er nur Lust bekam, das wurde ihm gegeben. Wo ich ihn nur antreffe, an einem jeden Orte, wo ich ihn antreffe. Das Beste, was du nur haben kannst. 7) Zu Einem der vorigen Fälle, vielleicht auch zu mehr als Einem derselben, gehören noch folgende Arten des Gebrauches. Ich will es ihnen nur gestehen, daß sich die Sache so verhält. Ich will es nur sagen, denn was hilft das Läugnen. Nehmen sie es nur nicht übel. Höre nur, du bist verständiger, als deine Schwester, Gell. Sehen sie nur, ist das nicht ein artiges Kind? Ich muß nur gehen. Ich, weiß nicht, wo sie bleibt, ich muß sie nur suchen. Und tausend andere mehr, denn wer kann alle Bedeutungen der Partikeln einer lebendigen Sprache mit allen ihren Schattirungen und Nebenbegriffen aufzählen und mit andern gleichbedeutenden Ausdrücken erschöpfen? Der Wortforscher muß zufrieden seyn, wenn es nur die vornehmsten und abstechendsten,

[Bd. 3, Sp. 543]


von welchen die übrigen nur abgeändert sind, auffinden und nur einiger Maßen deutlich machen kann.
   Anm. Diese den Hoch- und Oberdeutschen vorzüglich eigene Partikel lautet in dem alten Gedichte auf den heil. Anno newere, bey dem Hornegk newer, newe newer, newan, im Theuerdanke newr; aus welchen alten Formen zugleich erhellet, daß es ein zusammen gesetztes Wort ist, welches in den spätern Zeiten in nur zusammen gezogen worden. Daß die erste Sylbe in dem alten newar die Verneinung ne, ni, nicht, sey, ist wohl nicht zu läugnen; war, we, wan sind indessen nicht so deutlich. In der Pfalz ist für nur nummen, numme, nummer üblich, welches mit dem Ital. noma, nur, überein kommt, und den Frisch verleitet hat, so wohl dieses als unser nur von nehmen abzuleiten, und es durch ausgenommen zu erklären. Allein in diesem Pfälzischen nummen scheint das man, me, zu stecken, welches die Niedersachsen. Schweden und Holländer für nur gebrauchen, und welches mit dem Griech. μονον und μονως nur, zu μονος, min, und minder gehöret. Übrigens gebraucht Ottfried für nur wan, welches auch die letzte Sylbe in Hornegks newan ist, ingleichen ekord, bey dem Notker echert, bey dem Willeram okkert, dagegen bey andern alten Schriftstellern auch ot für nur gefunden wird. In einigen Oberdeutschen lautet unser nur auch nurt und nurten.
 
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Die Núß, plur. die Nüsse, Diminut. das Nßchen, Oberd. Nüßlein, ein Wort, welches nach seinem weitesten Umfange, so wohl von einer rundlichen Vertiefung, als auch von deiner runden Erhöhung, von einem runden, oder rundlichen Körper gebraucht wird, doch in beyden Bedeutungen nur noch in einigen Fällen üblich ist.
   1. Eine Vertiefung. An einer Armbrust wird die rundliche Kerbe oder Rinne, worin die Sehne ruhet, und aus welcher sie heraus geschnellet wird, die Nuß genannt. Eben diesen Nahmen führet auch die rundliche Kerbe unten an dem Pfeile, mit welcher er auf der Sehne lieget, ingleichen die Rinne an den Enden des Bogens, worin die Sehne befestiget ist; im mittlern Lat. Nux, Franz. Noix. Von welchen Bedeutungen Frisch die ehemaligen figürlichen R. A. herleitet: aus der Nuß seyn, vor Leidenschaft außer sich, seiner nicht mehr mächtig seyn, und jemand wieder in die Nuß bringen, ihn besänftigen, wieder zu sich selbst bringen. Ja im Oberdeutschen wurde ehedem ein jeder Canal, eine jede Rinne, eine jede um des Zusammenhanges, um der Verbindung mit einem andern Theile willen gemachte Vertiefung eine Nusche oder Nuschel genannt, wovon Frisch bey diesem Worte mehrere ist. In den Monseeischen Glossen ist Nusci eine Röhre. Im mittlern Lat. kommt Nusca hüufig von einer Schnalle vor, wo es unmittelbar von nähen, verbinden, abzustammen scheinet. Bey den Jägern wird das weibliche Geburtslied der Hündinnen und vierfüßigen Thiere so wohl die Nuß, als die Schnalle genannt, und im mittlern Lateine ist Nux eine Art eines Gefäßes.
   2. Eine runde Erhöhung, ein fester runder oder rundlicher Körper. 1) Im weitesten Verstande nur noch in einigen Fällen. So werden verhärtete Stücken Thon in den Sandsteinen Nüsse genannt, welchen Nahmen auch runde verhärte Massen in weichern Erdarten führen, S. Merggelnuß. An verschiedenen Werkzeugen, z. B. an einem Meßtische, an einem Astrolabio u. s. f. ist die Nuß eine hohle Kugel, in deren Höhlung eine mit einem Zapfen versehene kleinere Kugel beweglich ist, um dadurch ein anch allen Seiten bewegliches Gewerbe oder Gewinde zu machen, wo es aber vielmehr zur vorigen Bedeutung der Verbindung gehöret. S. Nußband. In den Feuergewehren heißt das rundliche Eisen, auf welchem die Federn ruhen, die Nuß. Auch das im gemeinen Leben übliche

[Bd. 3, Sp. 544]


Nischel, so fern es den Kopf bedeutet, gehöret hierher. S. auch Pfeffernuß. 2) In engerer Bedeutung ist in dem Pflanzenreiche die Nuß eine gemeiniglich rundliche Frucht, welche in einer harten Schale eingeschlossen ist, wo es doch auf den Gebrauch ankommt, welche Früchte diesen Nahmen bekommen oder nicht. s. Wassernuß, Pimpernuß, Muskatnuß, Zirbel, Erdnuß u. s. f. Die Früchte der Buchen und Eichenbäume werden oft Buchnüsse und Eichnüsse, so wie die Mandeln Mandelnüsse und die Samenbehältnisse der Linden Zernnüßchen genannt. 3) Im engsten Verstande Nahmen der Nüsse. Die Haselnuß, welche oft auch nur die Nuß genannt wird. Nüsse pflücken, knacken u. s. f. In die Nüsse gehen, in den Wald gehen, Nüsse zu pflücken. Figürlich ist in die Nüsse gehen, verloren gehen, in die Krätze gehen; wo es noch dahin stehet, ob das Wort hier nicht zu einem andern Stamme gehöret. Das ist eine harte Nuß, sagt man von einer schweren, mühsam oder auch sehr unangenehmen Sache. S. Haselnuß. Die Wälsche Nuß, oder im gemeinen Leben, zusammen gezogen, die Wallnuß, ist die Frucht des Wälschen Nußbaumes, welcher in Persien einheimisch ist, von da er über Griechenland nach Italien oder Wälscheland, und von da zu uns gekommen ist, daher er auch den Nahmen hat; Juglans L.
   Anm. In der zweyten und dritten Bedeutung bey dem Willeram Nuz, im lat. Nux, im Ital. Noce, im Franz. Noix, im Lotharingischen im Plural Nueches, im Span. Nuez. Andere Sprachen und Mundarten haben statt des Zischlautes das verwandtet, wie das Nieders. Nut, das Dän. Nodd, das Schwed. Nott, das Isländ. Hnitt, das Angels. Hnut, das Engl. Nut. Es gehöret in Ansehung der Erhöhung, der rundlichen festen Masse, zu Nudel, Knote, Knopfe, Knödel, Nast, Knast u. s. f. und in Ansehung der Vertiefung zu Nachen, nähen, Naht u. s. f. Im Oberd. lautet der Plural die Nussen.
 
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Das Nußband, des -es, plur. die -bänder, bey den Schlössern, ein Thürband, dessen beyde Theile vermittelst einer Nuß an einander gefüget sind, d. i. welches in der Mitte zwey Gewinde und zwey heraus stehende walzenförmige Stücke hat; dergleichen Bänder z. B. an den Klapptischen befindlich sind. S. Adelung Nuß 2 1).
 
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Der Nußbaum, des -es, plur. die -bäume, ein Baum, dessen Frucht unter dem Nahmen der Nuß bekannt ist, ein Baum, welcher Nüsse trägt. Besonders wird der Wälsche Nußbaum oft nur der Nußbaum schlechthin genannt.
 
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Nußbäumen, adj. et adv. von dem Nußbaume herkommend. Nußbäumenes Holz. Nußbäume Commoden, Tische u. s. f. aus Nußbäumen Holz verfertiget, oder doch damit belegt.
 
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Der Nußbeißer, des -s, plur. ut nom. sing. Siehe Nußkrähe.
 
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Der Núßbrêcher, des -s, plur. ut nom. sing. Siehe eben daselbst.