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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Nahe bis Nähküssen (Bd. 3, Sp. 414 bis 417)
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Artikelverweis  Nahe, näher, nächste, adj. et adv.durch keinen beträchtlichen Zwischenraum von einem andern Dinge getrennt, im Gegensatze des fern oder entfernt, wo es so wie dieses ein relativer Begriff ist, welcher durch Gewohnheit und durch die Umstände bestimmt wird. Ein Ding kann in einer Absicht nahe, in einer andern aber entfernt seyn.
   1. Eigentlich, dem Orte oder Raume nach. Ein naher Ort. Das nächste Dorf. Mein nächster Nachbar. Er wurde an den nächsten Baum gehenket.
   O ja, du singst, schon hör ich dich,
   Vom nächsten Baum,
   Weiße.Ingleichen als ein Nebenwort; so wohl mit verschiedenen Nebenwörtern. Näher zur Stadt kommen. Einem nahe auf den Leib treten, ihm nahe auf den Hals kommen. Es stehet nahe an der Thür. Es liegt nahe bey dem Hause. Nahe bey einem wohnen, stehen, seyn. Nahe dabey seyn. Nahe herbey kommen. Sich nahe zu etwas machen, sich nahe zu jemanden setzen. Nahe um jemanden seyn. Nächst an dem Schlosse wohnen. Zunächst an den Wald gränzen, für nahe. S. Adelung Nächst. Als auch mit der dritten Endung, doch nur mit einigen Zeitwörtern. Einem nahe seyn, stehen, liegen, kommen. Komm mir nicht zu nahe. Wir kamen der Stadt immer näher. Ein naher Weg, für ein kurzer, und der nächste Weg, für der kürzeste, ist eine Figur. Von nahen, für in der Nähe, ist Oberdeutsch; etwas von nahen besehen.
   2. Figürlich.
   1) Von der Zeit. Sich auf den nahen Sommer freuen. Der Frühling ist nahe. Mit der nächsten Post, mit der ersten. Nächster Tage, nächsten Tages, nächstens, S. Adelung Nächst und Nächstens. Nächst künftigen Sonntag. Nahe an vierzig Jahr alt, in der vertraulichen Sprechart, für beynahe. Er ist schon nahe an vierzig, Gell. Sie muß ja wohl nahe an sechzig Jahren seyn, ebend. Die nächst vergangene Nacht. Der nächst bevor stehende Feldzug. S. Nächst. Ingleichen mit Einschluß des vorigen Begriffes des Ortes. Dem Tode nahe seyn. Die Gefahr war mir sehr nahe. Ich war einer Ohnmacht nahe.
   2) In verschiedenen andern Verhältnissen, mehrere oder auch alle dazwischen befindliche Dinge auszuschließen, im Gegensatze des entfernt; wo es oft nur als ein Nebenwort allein, oft nur als ein Beywort allein, oft aber auch nur in einer oder der andern Staffel üblich ist. Ein naher Freund, ein naher Verwandter. Er ist nahe mit mir verwandt. Er ist mein nächster Freund. Jeder ist sich selbst der nächste. S. Adelung Nächste. Die nähere (genauere) Vereinigung mit Gott. Der Römische König ist der nächste nach dem Kaiser, der Würde nach, er folgt unmittelbar nach ihm. Einen nahen Zutritt bey jemanden haben. Die Sache betrifft ihn sehr nahe, uns noch näher, dich aber am nächsten. In naher (genauer, enger) Verbindung mit jemanden stehen. Zu nahe in die Freundschaft heirathen. Der Wahrheit nahe kommen. Der Sache schon näher kommen. Damit wir näher zur Sache kommen. Einem nahe kommen,

[Bd. 3, Sp. 415]


ihm in einer Eigenschaft ähnlich seyn. Sich näher mit jemanden bekannt machen. Es soll mir lieb seyn, ihn näher (genauer) kennen zu lernen. Einen sehr nahen Umgang mit jemanden haben. Sich einem näher entdecken. Etwas näher bestimmen, genauer. Die nähere Offenbarung Gottes, im Gegensatze der allgemeinen oder entferntern. Das enthält den nächsten (unmittelbarsten) Grund dieses Vorganges. Der nächste Endzweck, der unmittelbare. Der Mensch kommt mit der nächsten Anlage sich Sprache zu bilden, in die Welt, Herd.
   3) Das geht mir nahe, das kränkt mich, schmerzet mich, im sittlichen Verstande. Sein Abzug geht mir etwas nah, Haged. Wie oft wird mir sein Schicksal nahe gehen! Es geht mir recht nahe, daß ich ihnen so viele Ungelegenheit verursache, Gell.
   4) Einem etwas nahe legen, nahe bringen, theils ihm solche Bewegungsgründe vorlegen, welchen er nachgeben muß, theils aber auch, ihm zum Zorne reitzen. Sie legen mir es außerordentlich nahe, reitzen mich außerordentlich. Ja, wenn es einem so nahe gelegt wird, wenn man so sehr gereitzt wird. Ich habe es ihm so nahe gelegt, daß er sich wird ergeben müssen, ihm solche triftige Bewegungsgründe vorgestellet. Im Oberdeutschen ist es in dieser und der vorigen Bedeutung auch als ein Beywort nicht selten. Nahe Reden, welche dem andern nahe gehen müssen, ihn zum Zorne reitzen.
   5) Der nächste Preis, im Handel und Wandel, der genaueste. Ich kann es um keinen nähern Preis geben, um keinen niedrigern, genauern, wofür man auch sagt, ich kann es nicht nähern Kaufs, nicht näher geben.
   Du kannst hier nähern Kaufs die edle Freyheit kriegen,
   Canitz. Nach einer noch weitern Figur sagt man von jemanden der nachgibt, von seinen Forderungen, von seinem Widerstande, von seiner Hitze nachläßt, er gebe es schon näher.
   6) Einer Person oder Sache zu nahe treten, sprechen, handeln, ihr Nachtheil, Schaden verursachen, sie beleidigen. Eines Ehre zu nahe treten, sie kränken, vermindern. Der schuldigen Achtung für sein Vaterland zu nahe treten, sie nicht beobachten. Es ist ihm zu nahe geschehen, es ist ihm zu viel geschehen. Eines Ehre zu nahe reden oder sprechen.
   7) Bey nahe, fast, es fehlete nicht viel. Beynahe wäre er uns entwischet. Du hättest mich beynahe nicht mehr angetroffen. In dem Tatian und bey den folgenden Oberdeutschen Schriftstellern nur nah, nahen, und nach. Ich bin nach hungers tot, der Burggraf von Rietenburg. S. Adelung Bey III.
   Anm. Schon bey dem Ottfried und seinen Zeitgenossen nah, im Theuerdanke nahendt, im Nieders. nah, näger, nägst, bey dem Ulphilas nehwa, im Angelsächs. neh, neah, im Engl. nigh. Es ist mit neben, nau in genau, nach, noch und andern dieses Geschlechtes sehr genau verwandt. Der Form nach gehöret es zu den irregulären Beywörtern, indem es in der zweyten und dritten Staffel nicht nur das a in ä verwandelt, sondern in der dritten auch den stärkern Hauch ch annimmt. Daß dieser ehedem auch in der ersten Staffel nicht ungewöhnlich gewesen, erhellet aus dem Vorworte nach und dem Hauptworte Nachbar. Eben so abweichend ist es in seinen Bedeutungen, indem es in einigen nur als ein Nebenwort allein, in andern nur als ein Beywort allein, und in noch andern nur in dieser und jener Staffel üblich ist. S. auch Nächst.
   Ein anderes nur in der Ableitungssylbe verschiedenes Wort ist das Angels. near, nearo, nearewe, im Dän. und Schwed. när, im Isländ. naer, im Engl. near und narrow, welches andere für den Comparativ von nahe halten, das aber vielmehr ein eigenes Wort ist, welches seine eigene Comparation hat, und statt

[Bd. 3, Sp. 416]


des Hauchlautes am Ende das r angenommen hat, so wie sich in nau, genau, wieder ein anderer Endlaut befindet. S. Adelung Nährlich, welches noch von diesem Worte abstammet, und Nähern, welches sich auch daher leiten lässet.
   Im Oberdeutschen wird nahe noch in verschiedenen Zusammensetzungen gebraucht, indem daselbst danahen für daher, ingleichen für hier, und deßnahen für deßhalb üblich sind.
 
Artikelverweis Die
Nähe, plur. inus. das Abstractum des vorigen Wortes. 1) Die Eigenschaft eines Dinges, da es von dem andern durch keinen merklichen Zwischenraum getrennet ist, im Gegensatze der Weite; so wohl in der eigentlichen, als in verschiedenen figürlichen Bedeutungen des Wortes nahe. Die Nähe der Stadt an dem Hafen ist ihr sehr vortheilhaft. Wenn ich die Nähe betrachte. 2) Ein nicht merklich großer Zwischenraum. In die Nähe aber nicht in die Ferne sehen können. Er wohnt in der Nähe, nicht weit von uns. Je mehr ich seine Thorheiten in der Nähe, sehe, desto mehr fange ich an, ihn zu hassen, Weiße. Etwas in der Nähe betrachten.
   Bey dem Ottfried Nahi, im Theuerdanke die Nehent, im Nieders. Nägte, im Dän. Närhed.
 
Artikelverweis 
Nahen, verb. reg. welches in doppelter Gestalt gefunden wird. 1) Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte seyn und der dritten Endung, nahe kommen. Ther engil imo nahta, Ottfr. So will ich dem Tode genahen, Theuerd. Kap. 67.
   Dem Heere so ihr naht, das Vortheil abzurennen,
   Opitz. Im Hochdeutschen ist es in dieser Gestalt ungebräuchlich, obgleich einige neuere Dichter es um des Sylbenmaßes willen, statt des folgenden Reciproci gebraucht haben.
   Der König naht dem Schlusse seines Lebens,
   Schleg.
   Hier nahet schon die Schaar der unverletzten Helden,
   ebend. Doch gebraucht man es noch zuweilen in dieser Gestalt mit dem Nebenworte heran. Das Alter nahet unvermerkt heran. Als die Zeit heran nahete, daß u. s. f. 2) Als ein Reciprocum, in eben dieser Bedeutung; in welcher Gestalt es auch im Hochdeutschen üblich ist, aber doch mehr in der höhern und dichterischen Schreibart gebraucht wird, als in der gewöhnlichern und vertraulichern, in welcher sich nähern gebräuchlicher ist. Wer nahet sich der Thür? Sich einem nahen, ihm nahe kommen. Schon nahen wir uns dem Flusse. Der Tag nahet sich, Ebr. 10, 25. Die Zeit nahet sich, daß u. s. f. Die Sache nahet sich zum Ende, oder nahet sich ihrem Ende. S. Adelung Nähern.
   Daher das Nahen statt des außer der Zusammensetzung ungewöhnlichen Wortes Nahung.
   Anm. Bey dem Ottfried und Notker nahen, im Tatian nalihhen, im Dän. närme, im Schwed. und nåkas. Siehe Nähern.
 
Artikelverweis 
Nähen, verb. reg. act. welches ehedem überhaupt verbinden bedeutet haben mag, von welcher längst veralteten Bedeutung noch in Nähdraht ein Überbleibsel ist. Jetzt bedeutet es nur noch vermittelst der Nadel und eines Fadens zusammen fügen, und in weiterer Bedeutung, auch vermittelst der Nadel und eines Fadens hervor bringen, bearbeiten u. s. f. Da es denn so wohl absolute und in Gestalt eines Neutrius gebraucht wird, den ganzen Tag nähen, sein Brot mit Nähen verdienen, nähen lernen; als auch mit der vierten Endung der Sache, welche durch Nähen hervor gebracht wird, allerley Figuren nähen, Hemden nähen, Handschuhe nähen, ingleichen derjenigen, welche auf solche Art bearbeitet wird, Leinwand nähen, zwey Stücke zusammen nähen. Zuweilen bedeutet es auch so viel wie ausnähen. Manschetten nähen, genähete Halstücher.
   Daher das Nähen.

[Bd. 3, Sp. 417]



   Anm. Im Tatian nauen und neien, bey dem Stryker nauen, im Schwabensp. neigen, im Nieders. neijen, im Schwed. mit einem andern Ableitungslaute naesta, im Angels. nestan, im Bretagn. nezza, im Griech. νεειν und νδειν, im Lat. nere. Es ist ein sehr altes Wort, welches mit Nagel, Netz, nectere, unserm knüpfen, Nestel, Nuth, und andern dieses Geschlechtes genau verwandt ist, und von nahe abzustammen scheinet, einem andern Dinge nahe bringen, d. i. mit demselben verbinden. Siehe auch Naht. In vielen Provinzen wird es in der ersten Sylbe mit einem scharfen e gesprochen, und daher auch nehen geschrieben. Im Hochdeutschen höret man das ä deutlich, und da die meisten Verwandten ein a haben, so schreibt man es richtiger mit einem ä. Ein Faden zum Nähen heißt in Baiern ein Nähling, und ungeschickt nähen wird in Nieders. prümen, prünen, prinen genannt. Im Böhm. ist Prym ein Saum, S. Adelung Rahm, woraus es mit vorgesetztem Blaselaute gebildet ist.
 
Artikelverweis * Der
Näher, des -s, plur. ut nom. sing. noch mehr aber im Fämin. die Näherinn, eine Person, welche nähet, aus dem Nähen ein Geschäft macht; ein im Hochdeutschen ungewöhnliches Wort, wofür Nähterinn eingeführet wird.
 
Artikelverweis Der
Näherkauf, des -es, plur. inus. S. Adelung Näherrecht.
 
Artikelverweis 
Nähern, verb. reg. act. nahe bringen. Einem etwas nähern. Noch häufiger aber als ein Reciprocum sich nähern, d. i. nahe kommen. Als er sich mir näherte, im Oberd. als er sich meiner näherte. Die Zeit, der Winter, der Tod nähert sich. Die rühmliche Begierde, sich den Tugenden der Alten zu nähern. Sein Leben nähert sich nun seinem Ende. Alles nähert sich seiner Vollkommenheit. Sie näherten sich Paar bey Paar, Geßn. Daher die Näherung, wofür doch Annäherung üblicher ist.
   Anm. Im Dän. närme. Es kann das Intensivum von nahen seyn, es kann auch von dem Comparativ näher abstammen, es kann aber auch von dem veralteten nahr, nahe, gebildet seyn, S. Adelung Nahe Anm. und Nährlich.
 
Artikelverweis Das
Näherrêcht, des -es, plur. inus. das Recht, nach welchem jemand bey dem Verkaufe einer Sache ein näheres Recht auf dieselbe hat, als ein anderer, d. i. sie für eben den Preis, welchen ein anderer gebothen hat, mit dessen Ausschließung kaufen, und wenn sie schon verkauft worden, zurück nehmen kann; der Vorkauf, der Näherkauf, der Einstand, das Einstandsrecht, im Oberdeutschen auch die Nähergeltung, das Nähergeltungsrecht, der Kaufzug, der Abtrieb, das Abtriebsrecht, das Vorgeld, das Zugrecht, die Lösung, das Gespilde. S. diese Wörter; Lat. Jus Retractus.
 
Artikelverweis 
Nahesäulig, adj. et adv. welches nur in der Baukunst üblich ist, diejenige Säulenweite zu bezeichnen, wo die Säulen nur 61/2 Model von einander entfernet sind, und wofür man auch die Wörter feinsäulig und schönsäulig gebraucht; alles im Gegensatze des fernsäulig.
 
Artikelverweis Der
Nähkloben, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Sattlern, ein Kloben, die Theile, welche zusammen genähet werden sollen, damit zusammen zu halten.
 
Artikelverweis Das
Nähküssen, des -s, plur. ut nom. sing. Diminut. das Nähküßchen, Oberd. Nähküßlein, ein kleines Küssen der Nähterinnen, dasjenige, woran sie nähen, mit einer Nadel darauf anzustecken.