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Cervelāt-Wurst bis Chāos (Bd. 1, Sp. 1319 bis 1323)
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Artikelverweis Die Cervelāt-Wurst, S. Adelung Hirnwurst.
 
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Ch, ein aus c und h zusammen gesetzter Buchstab, welcher aber doch nur einen einfachen Laut bezeichnet, der stärker hauchet als g, und in der Aussprache in den meisten Fällen dem Griech. χ und Hebr. 05d7 gleichet. Daß der Laut, von welchem das ch das Zeichen ist, kein Doppellaut ist, erhellet unter andern auch daher, weil der vorher gehende Vocal durch denselben nicht geschärft wird; denn in Tuch, Fluch, suchen, hoch, u. s. f. ist er gedehnt, welches der Regel nach nicht seyn könnte, wenn das ch ein gedoppelter Buchstab wäre. Was nun,
   I. Die Aussprache dieses Buchstaben betrifft, so hat derselbe einen doppelten Laut.
   1. Sein eigenthümlicher Laut ist ein starker Hauch, der unserer heutigen Aussprache des Latein. ch und Griech. χ gleich ist, aber doch einen doppelten Unterschied in der Stärke und Schwäche leidet.
   1) Gehet ein geschärfter Vocal vorher, so wird das ch stärker gebraucht, oder es wird doppelt ausgesprochen: Loch, Pech, Geruch, ruchlos, rechnen, Dach, Stich, Strich u. s. f. Welches besonders in der Mitte eines Wortes, wenn ein Vocal darauf folget, merklich wird, wie in sprechen, brechen, lachen, Sache, Gerüche, Löcher, pichen, Striche, Rechen, welche so ausgesprochen werden, als wenn sie sprechchen, brechchen u. s. f. geschrieben würden. Die Bey- und Nebenwörter auf -lich scheinen hier eine Ausnahme zu machen, besonders wenn der Ton auf der nächsten Sylbe vorher lieget, da denn das ch nur einfach lautet, wenn gleich das i geschärft ist: bildliche Vorstellungen,

[Bd. 1, Sp. 1320]


freundliche Reden, täglicher Umgang, weibliche Schwachheiten. Es rühret dieses indessen bloß daher, weil das i in diesen Fällen unbetont ist, daher die Zunge schnell über die ganze Sylbe wegeilet; denn wenn der Ton auf der zweyten Sylbe vorher liegt, so ist die doppelte Aussprache des ch merklich genug, veränderliches Herz, fürchterliche Vorstellungen abenteuerliche Gedanken, weil alsdann doch ein halber Ton auf die Sylbe lich kommt.
   2) Ist aber die vorher gehende Sylbe gedehnt, so wird das ch gelinder oder einfach ausgesprochen. Gesuch, suchen, Fluch, fluchen, die Büche, das Buch, brach, die Brache, hoch, Kuchen, ich sprach, die Sprache, das Tuch, die Tücher, der Brauch, der Bauch, hauchen, räuchern, Schläuche, Teich, Streich, und tausend andere unterscheiden sich in der Aussprache von den vorigen sehr merklich; ob es gleich Mundarten gibt, die in diesen Wörtern nur einen geschärften Vocal kennen. Denn so sprechen die Schlesier Büchcher, fluchchen, Kuchchen, u. s. f. mit einem kurzen u.
   2. Hingegen lautet es in manchen Fällen auch nur wie ein bloßes k. Diese Fälle sind,
   1) Wenn sie zu Anfange eines ursprünglich Deutschen Wortes stehet, deren aber heut zu Tage nur noch sehr wenige sind. So wird es in Chur, Churfürst, Charfreytag, Charwoche wie ein k gesprochen. Dieser Aussprache folget man auch gemeiniglich in vielen fremden Wörtern, ungeachtet sie in der Sprache, aus welcher sie entlehnet sind, ein Ch oder χ haben, wie in Christ, Christus, Chronik, Charte, Charakter, Cherub, Chrisam, Chor, Chaldäa, Chalcedon u. s. f. die man gemeiniglich so ausspricht, als wenn sie mit einem K geschrieben wären; dagegen die Aussprache in andern, als China, Chamit, Chaos, Chymie u. s. f. dem eigenthümlichen Laute des ch getreuer geblieben ist.
   2) Wenn ein s darauf folget, welches zu eben demselben Stammworte gehöret; wie in Dachs, Lachs, Fuchs, Flachs, Flächse, Achse, Achsel, Ochs, Wachs, sechs, Büchse, Buchsbaum u. s. f. welche im Hochdeutschen Daks, Laks, Fuks u. s. f. lauten. Gehöret aber das s nicht mit zu eben dem Stammworte, so behält das ch seine gewöhnliche Aussprache, wie in nachsehen, wachsam, Dachspäne u. s. f.
   Aus dieser unserer Aussprache des chs erhellet unter andern sehr deutlich, daß die Hochdeutsche Mundart das Mittel zwischen der Alemannischen und Sächsischen hält. Die Alemannische spricht alle diese Wörter mit dem ch eigenen starken Hauche aus; die Hochdeutsche hat dafür das gelindere k, und die Niedersächsische lässet es gar weg; denn da lauten diese Wörter Laß, Voß, Flaß, Asse, Os, Waß, söß, Büsse u. s. f. Man könnte,
   3. Noch die Aussprache wie sch beyfügen, die aber nur in eigentlich Französischen Wörtern Statt findet, deren aber doch nunmehr sehr viele im Deutschen gangbar sind, wie Charlotte, Chaluppe, Chagrin, Champignon, Champagner u. s. f. welche Scharlotte, Schaluppe u. s. f. gesprochen werden müssen.
   II. Da das ch das Zeichen eines einfachen Lautes ist, folglich so wohl nach gedehnten als nach geschärften Vocalen stehen kann, so sollte es in dem letztern Falle auch, wenn es nehmlich nach einem geschärften Vocale in einer und eben derselben Sylbe allein stehet, verdoppelt werden, wie bey andern Consonanten üblich ist. Man sollte schreiben Stichch, stechchen, Dachch, Löchcher, wie man schreibt still, stellen, Bitte, müssen. Allein da das Zeichen schon aus zwey Buchstaben zusammen gesetzt ist, so würden vier Buchstaben hinter einander zur Bezeichnung eines einzigen verdoppelten Lautes das Auge beleidigen; daher hat man bey dem ch, und aus eben dem Grunde auch bey dem sch, diese Verdoppelung von jeher unterlassen, so daß man die Schärfe oder

[Bd. 1, Sp. 1321]


Dehnung des vorher gehenden Vocales bloß aus der Übung erlernen muß. Das macht nun
   III. Bey der Abtheilung der Sylben einige Schwierigkeiten. Zwar nicht nach gedehnten Vocalen, denn da theilet man sehr richtig Flü-che, su-chen, Bü-cher, wie man theilet Lie-be, versü-ßen, tra-gen; wohl aber nach geschärften, wo es doppelt lauten muß, und wo man zweifelhaft seyn kann, ob man es zur vorher gehenden oder zur folgenden Sylbe ziehen soll, ob man z. B. lach-en, oder la-chen theilen soll. Man theile, wie man will, so geschiehet der Aussprache Gewalt, weil das ch nicht verdoppelt werden darf. Der schicklichste Ausweg ist hier indessen doch der, daß man es bey der vorher gehenden Sylbe läßt, lach-en, weil die Aussprache dabey mehr gesichert ist, als wenn man la-chen theilt, indem das ch hier dem Auge zu weit entrückt und bis an den Anfang der folgenden Zeile geworfen wird. Mehr davon S. in der Orthographie. Was nun,
   IV. Die Geschichte dieses Buchstabens betrifft, so ist das Vornehmste davon schon bey dem Buchstaben C bemerket worden. Die Lateiner erfanden schon das ch, das Griechische χ auszudrucken. Die Deutschen, die ihre Buchstaben von den Römern bekamen, behielten es bey, weil sie eben denselben Hauchlaut hatten. Den häufigsten Gebrauch davon machten die Alemannen, weil sie unter allen Deutschen am stärksten hauchten. Indessen wurde der eigentliche Laut, den das ch in der Mitte der Wörter und am Ende noch jetzt hat, anfänglich nicht durch ch, sondern entweder durch ein bloßes h oder durch hh ausgedruckt. Kero schreibt duruh, durch, foraht, Furcht, rihh, Reich, sleht, schlecht, iohh, euch, puah, Buch, ambaht, Ambacht, cernlihho, gernlich, cuatlihho, gütlich; und Ottfried fehtan, fechten, thih, dich, ouh, auch, thoh, doch, sprah, sprach, sleihan, schleichen, thahta, dachte, sulih, solch. Doch hat der letztere schon iagilich, jeglich, buachar, Bücher, sechszug, sechzig, uuelicheru, welcher, licham, Leichnam. Desto häufiger gebrauchten die Oberdeutschen das ch anstatt unsers heutigen k, weil sie hier alle Mahl einen stärkern Hauch hören ließen, wie die heutigen Oberschwaben noch thun. Daher schreibt Kero achustio, chind, uuerach, Werk, chuning u. s. f. Die Frauken, ein Stamm der Niedersachsen, führeten in diesen Fällen nach und nach das k ein, weil es ihrer Aussprache gemäßer war, und die Hochdeutschen haben das ch, bis auf einige wenige oben angeführte Fälle, nun mehr völlig von der Verbindlichkeit los gesprochen, das k vorzustellen. In den eigentlichen Oberdeutschen Mundarten hingegen behielt man es noch lange bey, weil man daselbst so schrieb, wie man sprach. Daher findet man noch bey dem Hornegk chlaine, Chunst, Chayser, chain, Chraft, chommen, churcz, Chnecht, chraczen, Chern, chunt u. s. f. und ein heutiger Oberschwabe würde noch eben so schreiben müssen, wenn er seiner Aussprache getreu bleiben wollte.
   Die Niedersächsische Mundart gebraucht das ch zu Anfange der Sylben gar nicht, außer in einigen Fällen in dem sch, am Ende aber sehr sparsam, weil sie unter allen Deutschen Mundarten am wenigsten haucht. Sie liebt dafür das k; striken, für streichen, sliken, für schleichen, Book, für Buch, Buuk, für Bauch, söken, für suchen. Doch hat sie es in einigen, obgleich nur wenigen Wörtern, wohin Acht, Berathschlagung, und acht, octo, Schecht, ein Schaft, Lucht, Luft, sacht, schichten, achter, nach, und andere mehr gehören. S. auch Sch.
 
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Der Chagrín, (sprich Schagrang,) des -s, plur. inus. 1) Leder von Fischottern, Seehunden, oder auch von dem Rücken oder Kreuze eines Esels, Maulesels oder Pferdes, welches, wenn es noch weich ist, zwischen Senfkörner gepreßt wird, da es denn die

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Eindrücke von denselben annimmt, und hernach so wohl zu Bücherbänden, als auch zu Degenscheiden, Futteralen u. s. f. verarbeitet wird. 2) Auch ein leichter seidener Zeug mit erhabenen Tüpfelchen auf der rechten Seite.
   Anm. Aus dem Franz. Chagrin, welches nach einigen auch der Nahme eines Fisches seyn soll, aus dessen Haut man den ersten Chagrin verfertiget habe. Allein der Ritter Arvieux versichert, daß Sagri im Persischen nicht nur das Kreuz eines Pferdes oder Maulesels bedeute, sondern auch die mit gewissen Körnern zubereitete Haut davon, woraus die Europäer das Wort Chagrin gemacht. So viel ist wohl gewiß, daß die Sache selbst eine morgenländische Erfindung ist. In Österreich heißt der Chagrin Zapp.
 
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Die Chaise, (sprich Schäse,) plur. die -n, aus dem Franz. Chaise, eine halbe Kutsche, ein zweysitziger Wagen ohne Thüren und Vorderwände, welchen man an einigen Orten auch eine Halb-Chaise oder halbe Chaise zu nennen pflegt, obgleich Chaise wohl nicht leicht von einem ganz zugemachten Wagen üblich seyn wird.
 
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Der Chálcedon, des -s, plur. die -e, seltener der Chalcedōnier, des -s, plur. ut nom. sing. ein Halbedelstein, der halb durchsichtig ist, dessen Grundfarbe aber milchbläulich ist, wobey er in die dunkelgraue, bräunliche, orangegelbe u. s. f. zu spielen pflegt. Man rechnet ihn unter die Achatarten; allein er ist doch härter und durchsichtiger, springt auch, wenn er zerschlagen wird, nicht in Stücke, die eine halb kugelige Gestalt haben, wie der Achat, daher ihn andere unter die Krystall-Achate rechnen; Latein. Chalcedonius. Die Aussprache des ch in diesem Worte ist getheilt; die meisten sprechen es wie ein k; wenigere lassen demselben seinen eigenthümlichen Laut.
 
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Die Chalúppe, (sprich Schalúppe,) plur. die -n, ein kleines hinten und vorn spitziges Fahrzeug, welches die großen Schiffe bey sich führen, Personen und Sachen an Bort oder an Land zu führen, die Anker zu lichten u. s. f. Daher der Chaluppen-Meister, ein Schiffsbedienter, welcher die Chaluppe führet, und alles, was zu derselben gehöret, in seiner Verwahrung hat.
   Anm. Aus dem Franz. Chalouppe, von welchem Worte die Französischen Sprachforscher wunderliche Ableitungen angeben. Im Engl. heißt dieses Fahrzeug Shallop, im Holländ. Sloep, im Nieders. Sluup, Slupe. Wenn dieses nicht aus dem Französischen verderbt ist, so kann es füglich von schlupfen, Nieders. slupen, abstammen. Im Pohln. ist Chalupa ein Bauerhaus.
 
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Das Chamǟleon, des -s, plur. ut nom. sing. eine Art Eidechsen, welche sich auf den Bäumen aufhält, und eine lange Zunge hat, mit welcher sie die Insecten fänget; Chamaeleon, L. und Kl. Das merkwürdigste an diesem Thiere ist, daß es seine Farbe nach der Beschaffenheit seiner Leidenschaften und Empfindungen verändert. Wenn es schläferig und träge ist, wird es über den ganzen Leib weiß; wenn es von der Sonne beschienen wird, ist es kohlschwarz, zuweilen auch purpurroth mit weißen Flecken; reitzet man es zum Zorne, so zeiget es sich mit schwarzen Flecken auf einem weißen Grunde; zur andern Zeit ist es gelbgrünlich u. s. f. Um dieses Umstandes willen ist es schon seit langen Zeiten her das Sinnbild eines unbeständigen Menschen gewesen, der seine Gesinnungen alle Augenblicke verändert. Auch in diesem Worte wird das ch von vielen wie ein k, von andern aber mit dem ihm eigenthümlichen Laute gesprochen.
 
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Chamille, S. Adelung Kamille.
 
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Der Chamīt, des -en, plur. die -en, aus dem Latein. und Griech. Chamites, eine versteinerte zweyschalige Muschel, welche in ihrem natürlichen Zustande Gienmuschel oder Riesenmuschel genannt wird. S. diese Wörter.

[Bd. 1, Sp. 1323]



 
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Der Chámpignon, (sprich Schámpínjon,) des -s, plur. die -s, eine aus dem Französischen entlehnte Benennung eines eßbaren Schwammes mit einem Stiele und einem gewölbten, schuppigen, weißlichen Hute, dessen Blätter braunroth sind; Agaricus campestris, L. Wir könnten diesen Französischen Nahmen gar wohl entbehren, indem die einheimischen, Feldschwamm, Herrenschwamm, Drüschling, Heiderling, Brachmännlein, Ehegürtel, schon vorhanden sind. Indessen haben die Slavonischen Mundarten ihr Zampion auch daher entlehnet; vermuthlich weil die Franzosen diesen Schwamm zuerst haben essen gelehrt. Das Franz. Champignon ist von dem Latein. Champinio, und bedeutet Feldschwamm. In Österreich nennt man sie Kuckenmucken.
 
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Das Chāos, indecl. plur. car. aus dem Griech. χαος, der unförmliche Klumpen, in welchem alle Elemente, vor der Bildung der Welt, ohne Ordnung mit einander vermenget waren, nach der Schöpfungslehre der Griechischen und Römischen Dichter. Figürlich auch, ein Mischmasch, eine verworrene dunkele Sache. Seine Rede ist für mich ein undurchdringliches Chaos. Daher chaōtisch, einem Chaos ähnlich, im hohen Grade unordentlich unter einander. Raban Maurus übersetzt Chaos durch Mihilfinstar, große Finsterniß.