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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
bis Wáchgêld (Bd. 4, Sp. 1317 bis 1320)
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Artikelverweis  W, der drey und zwanzigste Buchstab des Deutschen Alphabets und der achtzehnte unter den Consonanten oder Hauptlauten, welcher zu den Blaselauten gehöret, und zwar der weichste und sanfteste unter denselben ist, daher er eben den Laut hat, welchen die Franzosen, Italiäner und Ungarn dem v beylegen. Im Deutschen kann derselbe um dieses weichen Lautes willen nur vor einem Vocale stehen, wehen, weg, ewig, Löwe. Allein im Niederdeutschen findet man ihn auch vor einem r, wräcken, rächen, wringen, ringen, wriben, reiben u. s. f. welchem Beyspiele denn auch die Englische Sprache, als eine Tochter der Niederdeutschen, folgt. In allen diesen Fällen, wo das w vor einem r stehet, ist es ein müßiger Vorsatz, welcher bey Aufsuchung der Wurzel nicht in Betrachtung kommt. In den wenigen Fällen, wo die Hochdeutsche Mundart diesen Hauch ja behalten hat, da hat sie ihn in das f und b verwandelt: wrefeln, freveln, Wrack, Ausschuß, Brack.
   Daß das w aber auch in andern Fällen nicht wesentlich zur Wurzel gehöret, sondern allenfalls eine bloße Verstärkung des Tones ist, erhellet aus so vielen Wörtern in den verwandten Sprachen, die diesen Laut nicht haben; wie dem Schwed., Dän. und Isländ. ord, Deutsch Wort, dem Isländ. und Schwed. andra, wandern, dem Schwedischen ila, weilen, dem Gothischen aurt, Schwed. rt, Wurz, dem Schwed. nska, wünschen, und andere mehr.
   Man schließe indessen daraus nicht, daß das w überall bloß zufällig sey, und bey Aufsuchung der Wurzel eines Wortes allemahl weggeworfen werden könne. In den meisten Fällen ist es wesentlich, und bezeichnet eine eigene sehr merkliche Onomatopöie, wie in wehen, wegen, wiehern, wanken u. s. f. Ist diese Onomatopöie in hundert andern Fällen nicht mehr merklich, so rühret solches daher, weil die mehrmahls übergetragenen Bedeutungen die erste eigentliche verdunkelt und in Vergessenheit gebracht haben.
   Bey den alten Deutschen hatte dieser Buchstab einen Laut, welcher aus u und v zusammen gesetzt war, wie sich theils aus Ottfrieds Stelle in der Vorrede zu seinen Evangelien vermuthen läßt: nam interdum tria u u u, ut puto, quaerit in sono, priores duo consonantes, ut mihi videtur, tertium vocali sono manente; theils aus der ehemahligen Art Frawe, schawen u. s. f. zu schreiben, welche letztern ohne Zweifel wie Frauwe, schauwen gesprochen wurden. In den spätern Zeiten, als Sitten und Aussprache, besonders in der Hochdeutschen Mundart, sich verfeinerten, ließ man unter mehrern andern Nebenlauten in den jetzt gedachten Fällen auch das w weg, und schrieb und sprach Statt des rauhen uv ein bloßes u. Nur in dem Ew. der abstracten Ehrenwörter, für Euer, hat sich diese alte Schreibart noch erhalten.
   Zu diesen in den spätern Zeiten ausgemusterten müßigen Nebenlauten gehöret auch das h vor dem w, welches zu Anfange eines Wortes in den ältesten Mundarten so oft vorkommt: hwil,

[Bd. 4, Sp. 1318]


Welle, hwelcher, welcher; besonders in der Angelsächsischen, woraus nachmahls das wh der heutigen Englischen Sprache geworden ist.
   Einige gemeine Mundarten pflegen Statt des w gern ein m zu sprechen; mir für wir, Mörsing für Wirsing.
 
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Die Waage, S. Adelung Wage.
 
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Die Waare, plur. doch nur von mehrern Arten, die -n, eine jede bewegliche leblose Sache, so fern sie ein Gegenstand des Handels ist, d. i. verkauft und gekauft wird. Am häufigsten gebraucht man es von solchen Gegenständen, welche durch die Kunst hervor gebracht sind. Hölzerne Waare, Eisenwaare, baumwollene, seidene Waaren. Aber auch oft von bloßen Erzeugnissen. Grüne Waare, Gartengewächse, als ein Gegenstand des Handels. In Westphalen heißen alle Erzeugnisse des Bodens Waare, daher man daselbst Erdwaare und Holzwaare hat. Sprichw. Jeder Kramer lobt seine Waare; gute Waare rühmt sich selbst; gute Worte verkaufen böse Waare.
   Anm. Im Niederdeutschen und Englischen gleichfalls Ware, im Schwedischen und Isländischen wara. Die Abstammung und erste Bedeutung dieses vermuthlich sehr alten Wortes lässet sich nur errathen. Im Isländischen ist noch das Verbum werja, verkaufen, üblich. Das doppelte a ist nicht so wohl ein Zeichen der Dehnung, welches hier überflüßig scheinen könnte, weil der folgende einfache Consonant dieselbe schon hinlänglich bezeichnet, und da, wo sie noch besonders angedeutet werden soll, das h eingeführet ist; sondern vielmehr ein bloßes Hülfsmittel, diesem Worte, als dem Ausdrucke eines vollständigen sehr bestimmten Begriffes, ein wenig mehr Körper zu geben, welches besonders zu der Zeit nöthig scheinen konnte, da das e am Ende nur selten mit ausgedruckt wurde; die Waare für das ehemahlige die War. Jetzt, da das End e allgemein üblich ist, und dem Worte schon körperlichen Umfang genug gibt, könnte man es hier freylich eben so gut entbehren, als in Wage, und andern ähnlichen.
 
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Das Waarenlager, des -s, plur. die -läger, ein Vorrath von Waaren zum künftigen Verkaufe, und der Ort, wo derselbe verwahret wird, auch nur das Lager schlechthin.
 
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Die Wabe, plur. die -n, ein nur in einigen Gegenden bekanntes Wort, eine Wachsscheibe aus einem Bienenstocke zu bezeichnen, welche im Hochdeutschen das Gewirk, in andern Gegenden aber das Rooß, das Wefel, die Tafel, der Kuchen heißt. Die Honigwabe, eine solche Scheibe mit Honig.
   Anm. Wabe, schon bey dem Notker Vuaba, in manchen Gegenden Wesel, ist augenscheinlich mit dem Lateinischen favus verwandt, ohne daß es eben davon abstammen dürfte, indem die Bienenzucht, und folglich auch die ihr angemessene Sprache, in den nördlichen Gegenden gewiß so alt ist, als in den südlichen. Das Stammwort von beyden ist ohne Zweifel in dem Verbo weben zu suchen, so fern es ehedem wirken, arbeiten überhaupt, bedeutete. Es wird solches sowohl durch den gleichbedeutenden Hochdeutschen Ausdruck das Gewirk, als auch durch das provinzielle Wefel, bestätiget,

[Bd. 4, Sp. 1319]


welches sowohl das Gewebe, ingleichen den Einschlag eines Gewebes, als auch eine Wachsscheibe aus einem Bienenstocke, bezeichnet.
 
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Wách, adj. et adv. im Stande des Wachens, wachend, nicht schlafend. Es ist als ein Adverbium am gewöhnlichsten. Wach seyn, wachen. Wach werden, erwachen.
   Sieht mich die Mitternacht bey meinem Sehrohr wach,
   So ahm ich höchst vergnügt berühmten Männern nach,
   Haged. In der dichterischen Schreibart auch wohl als ein Adjectiv, welches aber keiner Comparation fähig ist:
   Dort, wo Cytherens waches Kind
   Den Schlaf vom Bette scheuchet,
   Musen-Alman.
   Was auch bey (in) wachen Stunden
   Ein Deutscher, ja so gar ein Domherr ausgefunden,
   Haged. Anm. Im Niederdeutschen gleichfalls wach, wo es überdieß noch sowohl wachsam, als auch lebhaft, aufgebracht, bedeutet. Es ist das Stammwort einer zahlreichen Familie von Wörtern, wozu, außer den folgenden, besonders wacker gehöret, welches die intensive Form davon ist, so wie wach wieder eine Art eines Intensivi von weg in wegen, bewegen, zu seyn scheinet, so daß der Begriff der Bewegung in allen diesen Wörtern der herrschende ist. S. Adelung Wachen.
 
Artikelverweis Die
Wáche, plur. die -n. 1. Der Zustand, da man wacht, doch nur im figürlichen Verstande, der Zustand, da man für die Sicherheit anderer wacht; ohne Plural. Es wird in dieser Bedeutung nur mit gewissen Verbis gebraucht, welche sich nicht mit andern vertauschen lassen. Wache halten. Ein alter Haushahn hielt auf einer Scheuer Wache, Haged. Die Wache haben, auf der Wache seyn. Wache stehen, elliptisch, für auf der Wache stehen, d. i. stehend Wache halten. Am häufigsten wird es im Kriegswesen gebraucht, da sich denn oft auch der Begriff des Ortes mit einmischet, obgleich die abstracte Bedeutung die herrschende ist. Auf die Wache ziehen, von der Wache kommen. 2. Personen, welche auf solche Art Wache halten, als ein Collectivum, auch wenn nur eine einzelne Person gemeint ist; am häufigsten im Kriegswesen. Die Wache ablösen, sie mag aus einer oder aus mehrern Personen bestehen. Wachen ausstellen. Jemanden die Wache geben, ihn wegen eines Vergehens von Soldaten bewachen lassen. Daher die Zusammensetzungen, Schildwache, Leibwache, Thorwache, Brandwache, Feldwache, Scharwache, u. s. f. 3. Der Ort, wo Soldaten-Wache gehalten wird, und das für selbige bestimmte Gebäude. Auf die Wache, in die Wache gehen. Auf der Wache speisen. So auch die Thorwache, Hauptwache u. s. f.
   Anm. Es ist vermittelst des abstracten e von dem vorigen Adverbio wach, oder auch von dem folgenden Verbo wachen, abgeleitet. Ehedem war dafür mit einer andern abstracten Ableitungssylbe Wacht üblich, schon bey dem Kero Wachtu, welches noch im Niederdeutschen und einigen gemeinen Mundarten gangbar ist, auch zuweilen noch in einigen Zusammensetzungen, z. B. Wachtmeister, vorkommt, ob sie gleich richtiger ohne t gebraucht werden. Um dieses alten Wacht willen, welches unstreitig zu dem noch im Niederdeutschen üblichen wachten, warten, gehöret, wird es wahrscheinlich, daß in unserm Wache die Bedeutungen zweyer verschiedener Verborum zusammen geflossen sind, des Niederdeutschen wachten, warten, und des Hochdeutschen wachen. Es wird dieses auch dadurch bestätiget, daß

[Bd. 4, Sp. 1320]


die Niederdeutschen außer ihrem Wacht noch das Wort Wake haben, die Wache zu bezeichnen, welches von waken, wachen, abstammet.
 
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Wcheln, verb. regul. welches nur in einigen Gegenden üblich ist, so wohl als ein Activum, die Luft gelinde bewegen, so wie das nahe verwandte fächeln. Sich wächeln, d. i. fächern, sich durch gelinde Bewegung der Luft abkühlen. Als auch als ein Neutrum, in eine solche gelinde Bewegung versetzt seyn. So sagt man in manchen Gegenden: die Stube wächelt vor Hitze, wenn die Luft in derselben vor Wärme gleichsam in eine gelinde Bewegung geräth.
   Anm. Es ist die intensive und zugleich verkleinernde Form von wehen, wegen in bewegen, und gehöret folglich mit fächeln zu einem zahlreichen Geschlechte von Wörtern, worin die Bewegung der Hauptbegriff ist, s. Wehen. In Steiermark ist für wehen wacheln üblich.
 
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Wáchen, verb. regul. neutr. welches das Hülfswort haben bekommt. Es bedeutet 1. eigentlich, sich in demjenigen Zustande des Bewußtseyns befinden, welcher dem Schlafen und Träumen entgegen gesetzt ist, d. i. sich in dem Zustande zusammen hängender klarer und deutlicher Vorstellungen befinden. Wachen und nicht schlafen. Besonders zu der zum Schlafen bestimmten Zeit. Bey jemanden wachen. Da es denn auch häufig den Accusativ der Zeit bekommt, ohne um deswillen zu einem Activo zu werden. Eine Stunde, die ganze Nacht wachen. 2. Figürlich, ununterbrochene Sorge für etwas tragen. Für das Beste des Landes, für seine Ehre wachen. Die über alles wachende Vorsehung. So auch das Wachen, besonders in der ersten eigentlichen Bedeutung.
   Anm. Im Ottfried, Tatian u. s. f. uuachen, im Niederdeutschen waken, im Englischen sowohl to wake, als to watch, im Schwedischen vaka. Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieses Verbum eine Art eines Intensivi von wegen in bewegen ist, indem der Stand des Wachens doch ein Stand der Bewegung, der Stand des Schlafens aber ein Stand der Ruhe ist. Bey dem Ottfried kommen noch zwey von wachen abgeleitete Verba vor, wachern und wachten, welche gleichfalls für wachen gebraucht wurden, und Intensiva und Reduplicativa davon sind. Unser wacker und das Niederdeutsche wachten, Wache halten, sind noch davon übrig. Auch das Lateinische vigilare ist nichts anders, als ein vermittelst der iterativen Endung el, il, von der alten Wurzelsylbe wach, weg, abgeleites Wort. Das Factitivum von wachen ist wecken. Siehe dasselbe. Im Oberdeutschen wird auch wachen factitive gebraucht; wenigstens gebraucht Opitz erwachen und aufwachen, active für erwecken und aufwecken.
 
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Das Wachfeuer, des -s, plur. ut nom. sing. ein Feuer, welches auf der Wache stehende Personen anzünden, sich dabey zu wärmen.
 
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Das Wáchgêld, des -es, plur. doch nur von mehrern Summen, die -er. 1. Geld, welches man dem bezahlet, der die Nacht bey jemanden wachet. 2. Geld, welches jemand demjenigen bezahlet, der die Wache für ihn verrichtet; da es denn in manchen Städten eine Abgabe ist, welche die Bürger zur Unterhaltung der Lohnwächter oder Stadtsoldaten geben.