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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
bis Üben (Bd. 4, Sp. 729 bis 734)
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Artikelverweis  U, der ein und zwanzigste Buchstab des Deutschen Alphabetes, und der fünfte oder vielmehr siebente unter den Mitlautern, wenn nämlich ä und ö, wie billig, als eigene Mitlauter mitgezählet werden. Er wird aus der Kehle mit einer runden Öffnung des Mundes ausgesprochen, und ist daher, so fern er eine unmittelbare Nachahmung der tönenden Natur ist, ein Ausdruck des tiefsten und dumpfigsten Lautes, der noch in so vielen Wörtern unleugbar ist; z. B. kurz, dumm, stumm, stumpf, Trumm u. s. f. Seine Aussprache hat in den reinen Mundarten keine Schwierigkeit, indem das Deutsche und Nordische u, dem heutigen Lateinischen u, dem Französischen ou und Griechischen ου völlig gleichlautend sind. Allein in den gemeinen Mundarten gehet es durch eine Menge von Schattierungen. Besonders pflegt man ihm in einigen Oberdeutschen Gegenden gern ein e nachschleichen zu lassen; Brueder, Muetter, (dreysylbig,) guet, Huef, Tuech, (zweysylbig,) für Bruder, Mutter, gut, Huf, Tuch. In andern dehnt man es wie uo; Buoch, thuot, Muotter u. s. f. welches besonders in Oberschwaben und am Oberrheine geschiehet. Das u ist, wie alle andere einfache Selbstlaute, bald gedehnt, bald geschärft; gedehnt in Buch, Fluch, Huhn, thun u. s. f. geschärft in Lust, Mund, Hund u. s. f. Die Verdoppelung des u, wenn es gedehnt ist, ist nicht eingeführet, wohl aber wird demselben in manchen Fällen ein h angehänget.
   Das u und folgende ü gehen in der Veränderung der Wörter häufig in einander über. Gut und Güter, Bruder und Brüder, Fuß, Füßchen und Füße, Durst und dürsten, Brunst und brünstig, Wunsch und wünschen, dumm, dümmer, dümmste, klug, kluger, klügste, ich schlug, daß ich schlüge. Unsere Sprachlehrer drucken dieses so aus, daß das u in der Veränderung der Wörter oft in ü verwandelt werde; welches in Ansehung der Flexion richtig ist, aber nicht in Ansehung der Abstammung. Die Zeitwörter sind in den meisten Fällen eher da gewesen, als die davon abstammenden Hauptwörter. Man hat eher gedürstet, ehe man das Abstractum Durst gebildet, eher gehüthet, als man davon die Huth gemacht u. s. f. Hier läßt sich nicht sagen, daß u in ü verwandelt worden, aber auch nicht, daß ü in u übergegangen. Es sind in diesen Fällen, so häufig sie auch sind, vielmehr zwey Mundarten, durch die unaufhörliche Vermischung der Nationen zusammen geflossen, eine rauhere und tiefere, und eine zärtlichere und sanftere. Eben daher rührt es auch, daß ie und u in Wörtern Eines Geschlechtes so oft in einander übergehen; fließen, Fluß und flüssig; siechen, Sucht und süchtig; fliehen, Flucht und flüchtig; triegen, Trug und trüglich. Manche rauhe Oberdeutsche Mundarten lassen statt des Hochdeutschen ü noch jetzt ein tieferes u hören; Rucken für Rücken, Kuche für Küche.
   Im Schreiben oder vielmehr in der Currentschrift setzt man über das u einen gekrümmten Oberstrich oder auch einen senkrecht stehenden Circumflex, um es von dem n zu unterscheiden, welchem es sonst in der Figur gleich ist. Dieser Gebrauch erstreckt sich bis über das dreyzehnte Jahrhundert hinaus und wurde in den Handschriften, auch in der sogenannten Mönchsschrift, beobachtet, indem auch hier das n dem u sehr gleich sehe. Allein das Zeichen, dessen man sich zum Unterschiede des letztern bediente, war nicht zu

[Bd. 4, Sp. 730]


allen Zeiten und bey allen Abschreibern gleich, und es scheint, daß man dabey sehr willkührlich verfahren. Sehr häufig setzte man über das u einen völlig runden Zirkel, und daraus haben einige den Schluß machen wollen, dieser Zirkel sey aus dem o entstanden, welches manche gemeine Mundarten, wie schon gedacht, dem u nachschleichen lassen, welches man denn darüber geschrieben, anstatt daß die Griechen und Franzosen das tiefe u durch ein vorgesetztes o ausdrucken; ου und ou. Allein, dieser Gebrauch war nicht allgemein. In vielen Handschriften stehet gar kein Zeichen über dem u; in andern unterschied man es durch ein Paar schräge stehende Puncte von dem n, wie solches Schöttchen in einem Programm von einer alten Übersetzung der Sprüche Salomonis von ungefähr 1400 bemerkt. Noch häufiger schrieb man nach Art der alten Lateiner statt des u ein v, und in den spätern Zeiten oft gar ein w, welche beyde letzten Arten auch noch in den gedruckten Büchern des sechzehenten Jahrhunderts häufig vorkommen; doch scheint es, daß man das v am häufigsten zu Anfange eines Wortes, und das w in Doppellauten gebraucht; vnd, Frawen, thewer. Unser Ew. für Euer ist noch ein alter Überrest davon. Vermuthlich sprachen die alten Lateiner ihr u eben so, wie wir aus. Bey den Griechen lautete es wie bey den heutigen Franzosen, wie ü; da sie nun doch das tiefere u in ihrer Sprache hatten, aber kein eigenes Schriftzeichen dafür kannten, so wählten sie ein zusammen gesetztes, und druckten den tiefern Laut des u durch ein vorgesetztes tiefes o aus; ου und ou. Wer nun um des zusammen gesetzten Zeichens willen das u gleich für einen Doppellaut halten wollte, würde eben so flach urtheilen, als wer unser ä, ö, ü, das Schwedische å u. s. f. um dieser Zeichen willen in die Reihe der Doppellaute setzen wollte.
   Das u und v sind schon dadurch wesentlich von einander unterschieden, daß eines ein Selbstlaut, das andere aber ein Mitlaut ist. Die älteste Römische Capital-Schrift hatte für beyde nur ein einziges Zeichen, vielleicht, weil sie in der Aussprache anfänglich nicht verschieden waren; daher schrieben sie auch nachmahls, da beyde Laute bey ihnen hinlänglich unterschieden wurden, beyde in ihrer großen Schrift mit einem V. In den spätern Zeiten führten sie in der kleinern Schrift das u ein, welches denn auch von den Deutschen mit in ihr Alphabet aufgenommen wurde. Nichts desto weniger ist in den neuern Zeiten von einigen Halblateinern, aus einer sclavischen Nachahmung, die übele Gewohnheit wieder aufgebracht worden, in der alphabetischen Stellung der Wörter, die mit u und v anfangenden unter einander zu werfen, und Vater, Übel, Üben, Ver, Ufer, Uhr, Un, Vor u. s. f. als Wörter Eines Buchstabens auf einander folgen zu lassen. Man sollte kaum glauben daß ein so thörichter und widersinniger Einfall Beyfall finden können, und doch findet man ihn fast in allen Wörterbüchern und Registern angewandt. Ich habe es für Pflicht gehalten, der Natur und Vernunft, die beyde Buchstaben wesentlich getrennet haben, getreu zu bleiben, und sie in diesem Wörterbuche gleichfalls von einander abzusondern.
 
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Ü, ein einfacher Selbstlaut, welcher die achte Stelle unter den Deutschen Selbstlauten verdienet, ob er gleich, so wie seine Brüder ä und ö, von den meisten Sprachlehrern davon ausgeschlossen worden,

[Bd. 4, Sp. 731]


die sie bald Halb-Vocale, bald unreine Selbstlaute, bald gar Doppellaute nennen, ohne mit einer von diesen Benennungen einen bestimmten und deutlichen Begriff zu verbinden. Er ist, wie das Französische u, ein Mittellaut zwischen dem i und u, wird aber in den Provinzen bald wie ein völliges i ausgesprochen, wie das Minze, ibel, fir, Minch, hibsch der Schlesier und Pfälzer; bald aber auch wie das tiefere u, in dem Schuler, Zeugnuß, Rucken u. s. f. vieler Oberdeutschen, deren rauhere Mundarten statt des Hochdeutschen ü gern ein tiefes u hören lassen. Daß er ein einfacher Selbstlaut und kein Doppellaut ist, erhellet unter andern auch daraus, weil er bald gedehnt, bald geschärft ist; ersteres in Mühe, Büßen, süß, trübe u. s. f. letzteres aber in müssen, Flüsse, Güsse, kürzer, Küche u. s. f.
   Da das Deutsche von den Lateinern erborgte Alphabet kein Schriftzeichen hatte, diesen Laut auszudrucken, so mußte man seine Zuflucht zu einem zusammen gesetzten nehmen. Man wählte das u und setzte das i darneben, oder auch wohl darüber, anzudeuten, daß das ü ein Mittellaut zwischen beyden wäre; andere aber bedienten sich statt des i zu eben dem Ende des e, und daher schrieb man das ü bald ui, iu, u, bald ue, bald ů, und in der größern Schrift bald Ui, bald Ue. Alle diese Schreibarten haben den großen Haufen der Sprachlehrer, die über das Äußere hinweg zu sehen nicht im Stande waren, verleitet, diesen Selbstlaut für einen Doppellaut auszugeben, weil sein Zeichen aus zwey Zeichen zusammen gesetzt war. Sie haben aber auch noch die Unbequemlichkeit, daß sie Ausländern und Unkundigen die Aussprache ungewiß machen, weil Ui leicht wie der Schwäbische Doppellaut ui, z. B. uich für euch, welchen doch die Hochdeutschen nicht kennen, gelesen werden kann. Am schicklichsten wäre es daher, wenn das ü mit zwey Puncten sowohl in der größern als kleinern Schrift allgemeiner gemacht würde, welches durch die Schriftgießereyen sehr leicht geschehen könnte. Schon in dem zu Ulm 1483 gedruckten Buche Kelila und Dimma ist das ü mit zwey Strichlein über dem u angedeutet. Siehe auch, was schon bey dem ä und ö von diesen Selbstlauten gesagt worden.
 
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Übel, -er, -ste, adj. et adv. überhaupt dem Willen eines vernünftigen Geistes zuwider und darin gegründet, da es denn bald dem wohl, bald auch dem gut entgegen stehet. In engerer Bedeutung. 1) Man sagt, es ist mir übel, wenn man eine unangenehme Neigung zum Erbrechen empfindet, wo es nur als ein Nebenwort gebraucht wird; im gemeinen Leben schlimm. Es wird mir übel. S. Adelung Übelkeit. In weiterer Bedeutung ist sich übel befinden, übel auf seyn, dem wohl befinden, wohl auf seyn, entgegen gesetzt, d. i. sich nicht völlig gesund fühlen. Warum siehest du so übel? du bist ja nicht krank? Nehem. 2, 2. 2) Den Sinnen, der Empfindung unangenehm, wo es dem wohl, zuweilen auch dem gut entgegen stehet, und auch durch schlecht ausgedruckt wird. Es riecht übel, nicht gut. Es schmeckt sehr übel. Der Wein schmeckt nicht übel, ist nicht übel, ist erträglich, leidlich. Es steht, kleidet ihm übel, nicht übel, S. Übelstand. Übel lauten, klingen, unangenehm. Das wird ihm übel gefallen, wo es doch mit der Verneinung noch üblicher ist, das gefällt mir nicht übel, gefällt mir so ziemlich. Übel aussehen, sowohl ungesund, als auch nicht schön. Sie sieht nicht übel aus, sie sieht erträglich, leidlich, gut aus. Er schreibt sehr übel. Jemanden übel halten, ihm übel begegnen. Auch hier ist es als ein Nebenwort am häufigsten; doch wird es auch zuweilen als ein Beywort gebraucht. Ein übler Geruch, ein übler Geschmack, ein schlechter. Eine üble Gestalt. Er hat kein übles Gesicht. Eine üble Aussprache haben. Ein übler Traum, ein unangenehmer. Eine üble Begegnung. 3) Mit Geschwerlichkeit verknüpfet und darin gegründet, eine Fortsetzung

[Bd. 4, Sp. 732]


der vorigen Bedeutung, wo es dem gut entgegen stehet, und oft auch durch schlecht ausgedruckt wird. Übel hören, nicht gut, schwer hören. Übel zu Fuße seyn, nicht gut, mit Beschwerde gehen. Ich sitze hier sehr übel, sehr schlecht, sehr unbequem. Ein übler Sitz. Ein übler Weg, auf welchem man nur schwer fortkommen kann. Ein übler Bezahler, ein böser, schlechter Bezahler, der mühsam zur Bezahlung angehalten werden muß. Eine üble Nacht haben, eine unangenehme, beschwerliche. 4) Der Absicht, der Bestimmung nicht gemäß, ihr zuwider. Es ist mir nicht übel gerathen. Etwas übel auslegen, eine widrige Absicht daraus folgern. Das war sehr übel angebracht. Ihr Vertrauen könnte nicht übler angebracht seyn. Etwas übel verstehen, wider die Absicht des Redenden. Er hat vielleicht einen Scherz machen wollen, den du übel verstanden hast, Gell. Er hat nicht übel gewählet. In manchen Fällen auch als ein Beywort. Eine üble Wahl treffen. 5) Den Regeln der Klugheit nicht gemäß, im Gegensatze des gut. Übel in einer Sache verfahren. Sein Geld, seine Zeit sehr übel anwenden. Eine üble Gewohnheit. 6) Dem Willen zuwider, wider Willen; doch nur noch in der R. A. er mag wohl oder übel wollen, d. i. er mag wollen oder nicht wollen. Ich wollte wohl oder übel, so mußte ich u. s. f. 7) Dem bürgerlichen Wohlstande zuwider, im gemeinen Leben auch schlecht, schlimm; im Gegensatze des wohl und gut. Am häufigsten als ein Nebenwort, aber doch auch zuweilen als ein Beywort. Es gehet ihm sehr übel. Es wird dir übel bekommen. Übel von jemanden sprechen. In einem übeln Rufe seyn. Wo auch wohl das Beywort im ungewissen Geschlechte und ohne Artikel als ein Hauptwort für Böses gebraucht wird. Übels von jemanden reden. Jemanden Übels wünschen. Einem Übels gönnen, Ps. 40, 15. 8) Dem Gesetze zuwider, eine größten Theils veraltete Bedeutung, theils als ein Nebenwort. Übel handeln, thun, in der Deutschen Bibel. Theils auch als ein Hauptwort. Übels thun; auch nur in der Deutschen Bibel. 9) Ehedem wurde es auch für unwillig gebraucht, in welcher Bedeutung, die vielleicht eine der ersten ist, bey dem Altensteig, übel auf jemanden seyn, so viel ist, als unwillig auf ihn seyn. Daher rühret vermuthlich noch die R. A. etwas übel nehmen, oder übel aufnehmen, unwillig darüber werden, etwas übel auslegen, so daß man darüber unwillig werden könnte. Etwas für übel nehmen, oder halten, für, es übel nehmen, ist nur in den niedrigen Sprecharten gangbar.
   Welt solchs nit also frübel han,
   Theuerd. Kap. 75 und 54. Dahin gehöret auch das gemeine, einem etwas für übel halten, es ihm übel nehmen, ihn deswegen tadeln, obgleich übel hier nicht eigentlich unwillig, sondern der Absicht, dem Anstande, der Billigkeit zuwider bedeutet. Wenn sie an meiner Beständigkeit zweifeln, so halte ichs ihnen für übel, daß sie noch mit mir umgehen, Gell. Warum halten sie mirs denn für übel, daß ich die Freyheit hochschätze? ebenders. 10) * Ehedem wurde auch das Nebenwort übel häufig, als eine Intension einer unangenehmen Veränderung gebraucht, für sehr, im hohen Grade; so wie im gemeinen Leben auf ähnliche Art häßlich üblich ist. Viel schelten mich übel, Ps. 31, 14. Sie zerplagten den Mose übel, Ps. 156, 82. Welches sie gar übel verdroß, Weish. 12, 27. In welcher Bedeutung es aber veraltet ist.
   Anm. Schon im Isidor, bey dem Kero u. s. f. ubil, bey dem Ulphilas gleichfalls ubil, im Nieders. övel, im Angels. Yfel, im Engl. evil. Es ist ein sehr altes Wort, dessen heutige Bedeutungen nur Fragmente einer ältern allgemeinern sind, die sich aber wegen des hohen Alters dieses Wortes nicht mit Gewißheit bestimmen lässet. Die Endsylbe -el ist die Ableitungssylbe, welche Art, Weise, Subject u. s. f. bedeutet, es kommt also nur auf die

[Bd. 4, Sp. 733]


Sylbe ub oder üb an, welche zu ab, aber in der Bedeutung einer unächten Beschaffenheit zu gehören, und hier etwas, das von dem, was wir wollen, oder als gut erkennen, abweicht, zu bedeuten scheinet. Dieß wird dadurch bestätigt, daß übel eigentlich einen gelindern Begriff des unangenehmen und widrigen gewähret, als böse, schlecht, schlimm, welche oft für dasselbe gebraucht werden. Übel bedeutet mehr etwas, das von unserm Willen, unserer angenehmen Empfindung abweicht, denselben nicht gemäß ist, als etwas, das selbige beleidigt, ihnen zuwider ist. Sollte indessen eine mehr heftige Veränderung der Stammbegriff seyn, so würden die erste und neunte Bedeutung als die ursprünglichsten angesehen werden müssen, zumahl da es in andern Sprachen mehrere ähnliche Wörter gibt, welche eine unangenehme körperliche Empfindung bezeichnen, wie das alte Celtische Avel, Sturm, Griech. άελλά, Schwed, Aela, die Hebr. 05d005d105dc Klage, Traurigkeit, 05d405d105dc, Eitelkeit, 05d705d105dc, Schmerz, und 05d705db05dc, er hat zu Grunde gerichtet. Bey den Malabaren ist Iblis, der Teufel. Das Engl. und Schwed. ill, Isländ. illur, Dän. ild, übel, scheinen nicht aus diesem Worte zusammen gezogen, sondern von einem andern Stamme gebildet, und mit dem Griech. ουλος, ουλοος, verderblich, und ολλυω, ich verderbe, verwandt zu seyn.
 
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Das Übel, des -s, plur. ut nom. sing. das vorige Wort, als ein Hauptwort gebraucht. 1) Ein Leibesschaden. Ein Übel an einem Fuße haben, einen Schaden. In einigen Gegenden wird auch die Epilepsie, oder das böse Wesen, das fallende Übel genannt. 2) In weiterer Bedeutung, alles, was unsern oder anderer Zustand unvollkommener macht, im weitesten Verstande. Also gereuete dem Herrn das Übel, das er dräuete seinem Volke zu thun, 2 Mos. 32, 14. Der ich Friede gebe und schaffe das Übel, Es. 45, 7. Der Herr behüte dich vor allem Übel, Ps. 121, 7. Einem Übel begegnen, steuern, abhelfen. Dem Übel ist leicht abzuhelfen. Man muß Übel mit Übel vertreiben. Aus zwey Übeln muß man das kleinste erwählen. Die Übel, die du nicht wissentlich verschuldet hast, entspringen aus einer göttlichen Anordnung, Gell. Das Strafübel, die Strafe als ein Übel, oder das Übel als eine Strafe betrachtet, das Sündenübel u. s. f.
   Anm. Schon bey dem Kero, Ottfried u. s. f. thaz Vbilo, Man muß dieses Wort nicht mit dem Neutro des vorigen verwechseln, wenn dasselbe Substantive gebraucht wird.
 
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Die Übelkeit, plur. die -en, gleichfalls von dem Nebenworte Übel, aber nur in dessen erster Bedeutung, die Empfindung einer Neigung zum Erbrechen. Ich bin den ganzen Morgen mit gewaltigen Übelkeiten beschwert gewesen, Gell. Im gemeinen Leben oft irrig Übligkeit.
 
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Der Übelklang, des -es, plur. die -klänge, von der R. A. Übel klingen. 1) Der üble, d. i. unangenehme Klang eines Dinges, ohne Plural, und im Gegensatze des Wohlklanges. 2) Ein übel klingender Ton, mit dem Plural.
 
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Der Übellaut, des -es, plur. inus. der Zustand, da ein Ding übel lautet, oder auch der unangenehme Laut eines Dinges selbst; im Gegensatze des Wohllautes.
 
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Der Übelstand, des -es, plur. die -stände, von der R. A. übel stehen, der guten Gestalt eines Dinges nachtheilig seyn, dasjenige, was übel stehet, die äußere Gestalt eines Dinges unvollkommner macht, der Mißstand; beydes im Gegensatze des Wohlstandes. Etwas saueres in seinem Betragen zeigen ist ein Übelstand für ein Frauenzimmer. Dunkele Treppen sind ein Übelstand in einem Hause. Im Plural wird es seltener gebraucht.
 
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Die Übelthat, plur. die -en, von übel in der engern Bedeutung, dem Gesetze zuwider, eine vorsetzliche oder freyentliche Übertretung

[Bd. 4, Sp. 734]


der bürgerlichen oder göttlichen Gesetze, so daß übel hier und in dem folgenden einen härtern Begriff gewähret, als es in den meisten andern Fällen hat; die Missethat, das Verbrechen. Es ist besser, daß ihr von Wohlthat wegen leidet, denn von Übelthat wegen, 1 Petr. 3, 17; wo doch Wohlthat als der Gegensatz von Übelthat veraltet ist. Keine Übelthat an jemanden finden, Dan. 6, 4. Im Angels. Yfeldaed.
 
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Der Übelthäter, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Übelthäterinn, eine Person, welche die bürgerlichen und göttlichen Gesetze, besonders, so fern die erstern die öffentliche Ruhe betreffen, vorsetzlich und freventlich übertritt; der Missethäter, Verbrecher. Im Tatian Vbilwurbto. Das Bey- und Nebenwort übelthätig, schon bey dem Notker ubeltatig, wird wenig mehr gebraucht.
 
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Üben, verb. reg. act. 1) * Plagen, eigentlich, durch heftige und gewaltsame Bewegungen unangenehme Empfindungen erwecken; eine veraltete Bedeutung. Meine Tochter wird vom Teufel gefatzet, er übet sie, sie schümet u. s. f. heißt es noch bey dem Kaisersberg. 2) In weiterm Verstande, durch mehrmahlige Bewegungen Einer Art, und in noch weiterm Verstande, durch mehrmahlige Handlungen Einer Art, Fertigkeit darin verschaffen. Die Truppen in den Waffen üben. Geübte Soldaten. Sich in etwas üben. Sich im Reiten, Fechten, Tanzen u. s. f. üben. Seinen Verstand üben, durch mehrmahliges Nachdenken. In den Sprachen geübt seyn. Im Unglück geübte Menschen sind gemeiniglich die brauchbarsten und hülfreichsten, Gell. Es ist gut, daß sie sich bey mir in den Liebeserklärungen geübt haben, ebend. 3) Oft verliehrt sich der Begriff der Absicht, und da bleibt nur die Vorstellung der mehrmahligen Wiederhohlung einer Handlung übrig. Eine Kunst, eine Wissenschaft, ein Handwerk üben, im gemeinen Leben treiben. Mit andern Hauptwörtern wird es in diesem Verstande seltener gebraucht; denn die biblischen Hochmuth üben, allerley Bosheit üben u. s. f. sind veraltet. 4) Ehedem verlohr sich auch der Begriff der mehrmahligen Wiederhohlung, und da sagte üben weiter nichts, als thun, merklich machen. Noch jetzt sagt man zuweilen, Rache an jemanden üben, sich an ihm rächen; allein in den meisten übrigen Fällen ist es auch hier veraltet. Ther sinan uuillon uabit, Ottfried. Wohin auch folgende biblische Stellen gehören. Der Herr hatte an ihren Göttern Gericht geübt, 4 Mos. 33, 4. Wo er sich hinwandte, da übte er Strafe, 1 Sam. 14, 47. Seine Macht, die er geübt (gezeigt) hat, 1 Kön. 16, 27. Du hast Gewalt im Lande geübt, Hiob 22, 8. Wenn ihr fastet, so übt ihr euren Willen, Es. 58, 3. Ihr fahret fort mit Morden und übet Greuel, Ezech. 33, 26. Und so in andern Stellen mehr. Er übet großen Fleiß, Opitz. Der gerechtes Urtheil übt, ebend. Die zusammen gesetzten ausüben und verüben haben noch etwas von dieser weitesten Bedeutung.
   Daher die Übung, S. solches an seinem Orte besonders, ingleichen Üblich.
   Anm. Schon bey dem Ottfried, Notker und andern uoben, uaben, im Angels. ywan, im Nieders. öven, im Schwed. ofva, im Dän. öve. Die Bedeutung der heftigen Bewegung scheinet hier der Stammbegriff zu seyn, und in so ferne kann es auch mit übel verwandt seyn, wenn diese Bedeutung gleichfalls als die herrschende, in demselben angenommen wird. Das Lat. Opus, operari, und unser oft sind unstreitig damit verwandt. S. Adelung Oft. Bey dem Notker kommt auch das Iterativum oberen, oft üben (operari,) vor, welches aber längst veraltet ist.