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bis Saatfurchen (Bd. 3, Sp. 1227 bis 1234)
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Artikelverweis  S, der neunzehnte Buchstab des Deutschen Alphabetes und der funfzehnte unter den Mitlautern, welcher durch die Zähne ausgesprochen wird, und daher auch zu den Zähnbuchstaben gehöret. Nachdem dieser Buchstab gelinde oder hart ausgesprochen wird, hat man für ihn die Figuren s oder s, ß oder ss, und z, welches letztere doch immer als ein eigener Buchstab angesehen und an das Ende des Alphabetes verwiesen wird, ungeachtet er weiter nichts, als das härteste s ist. Wenn dieses s aber mit einem vollen Zischen ausgesprochen wird, welches besonders manchen Mundarten sehr gewöhnlich ist, so schreibt man es gemeiniglich sch. Ich will das vornehmste, was bey diesem Buchstaben anzumerken ist, auf dessen Aussprache, Schreibart und etymologischen Gebrauch einschränken.
   1. Was die Aussprache betrifft, so wird das s oder s theils mit einem halben oder gelinden Zischlaute, theils aber auch mit einem vollen Zischer ausgesprochen.
   1) Mit einem halben oder gelinden Zischlaute, wie in rasen, dem Lat. risus, mus u. s. f. Dieses s wird entweder einfach oder gedoppelt ausgesprochen. Das letztere wird allemahl ss und in einigen Fällen mit einem ß geschrieben. Das einfache s oder s aber hat wieder einen gedoppelten Laut, einen gelinden und einen scharfen.
   Gelinde lautet es am Anfange einer Sylbe, wo es auch mit einem langen s geschrieben wird. Säuseln, Rose, Ameise, Lesebuch. Wohin auch die Fälle gehören, wo der darauf folgende Vocal weggeworfen worden, da denn das s an das Ende der vorher gehenden Sylbe zu stehen kommt, und alsdann oft auch s geschrieben wird; Röschen, Lieschen, Bläschen, er rast oder ras't für raset, er bläs't oder bläst für bläset, welche Zusammenziehungen doch lieber vermieden werden. Eine Ausnahme machen diejenigen Wörter, in welchen ein d, t, th, b, p, g, k und ch vorher gehet, wo das s einen scharfen Laut bekommt; Krebse, krebsen, Kebse, wachsen, Gewächse, drucksen, drechseln, klappsen, des Gypses u. s. f. Daher die Endsylbe -sen oder -seln in vielen Zeitwörtern auch in das noch härtere -zen und -zeln verwandelt worden. Die Endsylbe sam behält ihr gelindes s, was für ein Mitlauter auch vorher gehen mag.
   Stehet es in der Mitte, so lautet es scharf. Last, Wust, Wüste. Eben so scharf lautet es auch am Ende der Sylbe oder eines Wortes, da es denn allemahl s geschrieben wird. Aus, weislich, gottlos, Beweis, Kies, Maus, Aas, Eis. Ist die Aussprache am Ende eines Wortes gelinder, so wird ein e euphonicum angehängt, diesen gelindern Laut zu bezeichnen; böse, leise, Käse, Matrose, Franzose, Ameise u. s. f. wofür härtere Oberdeutsche Mundarten bös, leis, Käs, Matros, Franzos, Ameis schreiben und sprechen. Von denjenigen Fällen, wo dieses harte s durch ein ß ausgedruckt wird, wird sogleich geredet werden.
   2) Mit dem ganzen oder rauschenden Zischer, wie ein sch. Hier sind die Deutschen Mundarten gar sehr von einander unterschieden. Einige Oberdeutsche, besonders die Schwäbische, zischen jedes s an, wenn es vor einem andern Mitlauter stehet, und oft vor einem Vocal, ist, bist, hast, Wespe, wie ischt, bischt, hascht, Weschpe; dagegen die Niederdeutschen mit diesem an und

[Bd. 3, Sp. 1228]


für sich freylich unangenehmen Zischlaute weit sparsamer sind, das s in sp und st niemahls zischend aussprechen, und in den übrigen Fällen statt des sch entweder ein bloßes s oder ein sg hören lassen, welches letztere besonders den Westphalen und Holländern eigen ist. Die Hochdeutsche Mundart, welche das Mittel zwischen beyden hält, pflegt es folgender Gestalt zu halten.
   Wenn das s zu Anfange eines Wortes vor einem c, k, m, p und t stehet, so lautet es wie sch; Scorpion, Sclave, skoptisch, Smyrna, Smaragd, spaßen, spinnen, Stand, stehen, Stern; welche Aussprache auch in den Zusammensetzungen bleibt, Gestirn, beständig, Verstand. In der Mitte der Wörter und am Ende bleibt der gewöhnlichere Laut des s, gestern, Vesper, lispeln, Wispel, Maske, fest, befestigen, erste, süßeste, Ast, Gäste, Bestie.
   Nach einem r wird das s, besonders aber in dem st, von den meisten Hochdeutschen in sehr vielen Wörtern wie ein sch ausgesprochen; Mars, garstig, Durst, Fürst, erst, Borste, bersten u. s. f. wie Marsch, garschtig, Durscht u. s. f. Nur hörst, warst, wirst, Vers, Börse, du fährst, und andere mehr lauten nur in den niedrigen Sprecharten wie hörscht u. s. f.
   Diejenigen Fälle, wo besonders zu Anfange der Wörter statt dieses gezischten s wirklich ein sch geschrieben wird, gehören nicht hierher. Übrigens wird von dem sch an seinem Orte noch etwas gesagt werden.
   2. Was die Schreibart dieses Buchstabens betrifft, so herrscht darin eine nicht geringere Verschiedenheit, indem die vier Figuren s, s, ß und ss fast von einem jeden anders gebraucht werden, welche indessen doch alle darin einig sind, daß das s und s zur Bezeichnung des einfachen, das ss aber zur Bezeichnung des doppelten s gebraucht werden müsse. Das ß (Eßzet) ist der Figur nach freylich auch nichts anders, als ein doppeltes ss, weil das z, welches dessen letzte Hälfte ausmacht, ehedem sehr häufig die Stelle des s vertreten mußte. Es wurde vor diesem auch beständig mit dem ss fast ohne allen Unterschied als gleichgültig gebraucht, und erst in diesem Jahrhunderte hat man angefangen, es noch von demselben zu unterscheiden, und ihm seine eigenen Verrichtungen anzuweisen, weil die Figur einmahl da war, und man es, wie billig, für unnöthig hielt, zwey völlig gleichgültige Zeichen für einen und eben denselben Laut zu haben.
   Man kann wirklich einen dreyfachen, sehr merklich verschiedenen Laut in dem s unterscheiden, einen sehr gelinden, wie in Rose, blasen, sausen, Muse, Maser, einen stärkern, wie in ich las, weislich, Haus, gottlos, Buße, Muße, das Roß, (im Bienenstocke,) das Maß, mensura, und den stärksten oder das doppelte ss, wie in Roß, lassen, Schloß, müssen, die Masse.
   1) Das gelinde oder sanfte s stehet allemahl zu Anfange eines Wortes und sehr oft auch in der Mitte zu Anfange einer Sylbe, und wird ohne Ausnahme durch ein langes s ausgedruckt; Salz, säumen, selig, seltsam, rasen, Blase, summsen.
   2) Das scharfe s findet sich in mehrern Fällen und wird nun einmahl bald durch s, bald durch s, bald aber auch durch ß ausgedruckt.

[Bd. 3, Sp. 1229]



   (a) Durch s. (α) Am Ende eines Wortes oder einer Sylbe, wenn es in dessen Verlängerung wieder in das vorige gelinde s übergehet, oder aus demselben entstanden ist; Haus, Häuser, böslich von böse, weislich von weise, Röschen von Rose, ich las, lies von lesen, Kies, Kiese, Graus, grausen. Daß man aus, das, was und andere einsylbige Wörter auch nur mit einem s schreibt, ob man gleich außen, dessen und wessen schreibt und spricht, ist als eine Ausnahme anzusehen. (β) Am Ende einer Sylbe oder eines Wortes, theils wenn noch ein anderer Mitlauter, theils aber auch, wenn ein ungedehnter Selbstlaut vorher gehet; Dachs, Fuchs, Wachstafel, Gans, Wamms, Hals, es, des Mannes.
   (b) Durch ein s zu Anfange einer Sylbe nach b, p, ph, ch, g, k, d, t und th; wachsen, des Wachses, die Füchse, die Büchse. Die Endsylbe sam aber lautet allemahl gelinde, wachsam. Nach andern Mitlautern bleibt es gleichfalls gelinde; Gänse, Hälse, wammsen.
   (c) Durch ein ß, und zwar allemahl nach einem gedehnten Selbstlaute: der Fuß, die Füße, auf etwas fußen, süße, süßlich, groß, größer, Buße, boßeln, spaßen, Kloß, Klöße, Muße, müßig, fließen, Meißen, Preußen, Gruß, grüßen, ich saß, ich aß u. s. f. Die Fälle, wo dieses scharfe ß Statt findet, muß bloß die richtige Aussprache geben.
   Freylich gibt es Mundarten, z. B. die Schlesische, welche diesen gedehnten Selbstlaut beständig geschärft sprechen, und die müssen denn freylich auch, wenn sie ihrer Aussprache gemäß schreiben wollen, Füsse, grüssen, Busse u. s. f. schreiben, weil sie so sprechen.
   3) Das gedoppelte s; dieses wird entweder durch ein ß oder durch ein ss ausgedruckt.
   (a) Durch ein ß. (α) Am Ende eines Wortes oder einer Sylbe, wo es eine vorher gehende geschärfte Sylbe voraus setzet, und in der Verlängerung in ss übergehet; Schloß, Faß, Haß, häßlich, Flußwasser. (β) In der Mitte einer Sylbe, wenn nach dem ss ein e weggeworfen worden, oder wenn es doch aus dem ss entstanden ist; er ißt von isset, heißt, beißt, haßt, gleißt, gewußt, ich wußte.
   (b) Durch ein ss, zwischen zwey Vocalen, wenn die Aussprache ein doppeltes s erfordert; lassen, hassen, fassen, Gasse, und so ferner.
   Dieses dreyfache, dem Laute nach verschiedene s ist in der Aussprache hinlänglich gegründet. Rose lautet doch anders, als das Rōß (die Wachstafeln im Bienenstocke) und Róß, Muse, anders als Mūße, und müssen, Maser anders als Māß und Masse, weise anders als weiß, Schȫße anders als Geschosse u. s. f. Indessen gibt es doch Sprachlehrer, welche mit der Vertheilung der Schriftzeichen s, s, ß und ss unter diese drey Laute nicht zufrieden sind, und besonders wider den jetzt gedachten Gebrauch des ß sehr vieles einzuwenden haben. Wahr ist es freylich, daß diese Art, die vier Figuren des Lautes s zu schreiben, ihre Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten hat, besonders da das ß am Ende eines Wortes so wohl das scharfe, als auch das doppelte s ausdrucken muß; allein man hat doch nichts besseres an ihre Statt in Vorschlag gebracht.
   3. Von dem etymologischen Gebrauche wäre sehr viel zu sagen; ich will mich aber nur auf einige Stücke einschränken.
   1) Das s ist ein Sibilus, welcher in manchen Mundarten gern in das volle, gröbere sch übergehet, und vermöge seiner Natur, alle mit einer Art des Zischens verbundene Bewegungen ausdruckt, wie das Sausen und Säuseln des Windes, das Fließen des Wassers, die hastige Eil u. s. f. daher es denn auch in allen

[Bd. 3, Sp. 1230]


den Wörtern vorkommt, welche einen solchen Begriff ausdrucken, oder doch ursprünglich und eigentlich ausgedruckt haben.
   Es ist eine Grundregel in der Etymologie, daß, wenn sich ein Wort mit zwey oder mehrern Mitlautern anfängt, nur der letzte zum Stamme gehöret, die vorher gehenden aber nur zufällige Vorlaute sind, welche doch nicht allemahl als müßige Zusätze angesehen werden müssen, sondern die Hauptbedeutung auf mancherley Art bestimmen und abändern. Es gilt dieses besonders von allen denjenigen Wörtern, welche zu Anfange nach dem s noch einen oder mehrere Consonanten haben, wobey noch dieses voraus zu setzen ist, daß die weichen b und d allemahl in die verwandten härtern p und t, k und g aber in das weichere ch übergehen, der Blaselaut w aber, so wie l, m, n und r statt des einfachen s gemeiniglich das voller zischende sch bekommen. So findet man bey den ältern Oberdeutschen Schriftstellern sehr oft swas, swer, swie, swenn, für was, wer, wie, wenn. Spreiten ist von breiten, und dieß wieder von reiten; schlecken von lecken; schmelzen, Griech. μελδειν, von milde; Schnee, Nix, von dem noch bey den Jägern üblichen Neu; Stock, Griech. δοκος, von Docke; der Stollen im Bergbaue, von dem Oberdeutschen Dohle, ein Canal; schließen, Nieders. sluten, von dem noch im Lat. üblichen cludere; das Nieders. Scharn, Mist, von Gahre, Mist, Dünger; sterben von derben; das Holländ. slink von unserm link; Schlamm, Schleim, von Lehm, Leim, Lat. Limus; schlüpferig von dem noch im Lat. befindlichen lubricus; scheren von kehren, Griech. κερειν; schreyen von kreyen, Franz. crier; schreiten von gradi schreiben von reiben, γραφειν; stumm von dumm; Specht, Picus, von bicken; Stier, Taurus, von tor, groß; das Stammwort von schwer ist noch in dem Griech. βαρυς befindlich. Mehrere werden im folgenden auf allen Seiten vorkommen. In manchen Wörtern ist das Anfangs s auch ein Zusatz vor dem Vocal. So sind Saal und Aula, sondern und ohne, das Lat. super und über u. a. m. Eines Geschlechtes.
   Dieser Vorschlag ist nicht bloß den Deutschen Mundarten eigen, sondern er findet sich bey allen Völkerschaften; ja es gibt Sprachen, welche fast keinen Mitlauter aussprechen können, ohne ihn mit einem s zu begleiten. So machten die Äolier aus Geten oder Kithen ihre Scythen, aus Kimber, Skimber. Für Servus sagten die ältesten Lateiner erst Erus, und hernach Eruus. Aus Dach machten die Griechen σεγ, und aus Zinn, Nieders. Tinn, die Lateiner Stannum.
   Oft ist dieses s freylich wohl etwas Eigenes der Mundart, ohne eine bestimmte Bedeutung zu haben. Allein in sehr vielen Fällen kann man es doch als eine Intension ansehen, welche sich aus dem natürlichen Laute, den dieser Buchstab nachahmet, sehr wohl erklären läßt. Im mittlern Lateine lautet dieses intensive s häufig vollständig es- und ex- und es stehet dahin, ob es nicht auch im Deutschen aus aus zusammen gezogen worden. Die Italiäner sagen struccare für estruccare, ausdrucken; svellere, scinuire, stimare, scaldare, u. s. f. wo es überall die Bedeutung verstärkt. Das dieser Nation so eigene privative s zu Anfange der Wörter, ist wenigstens augenscheinlich aus ex oder dis entstanden; sradicare, ausrotten, scalzare, die Schuhe ausziehen, sbrigare, der Mühe überheben, von Briga, sbendare, entbinden, von Benda, die Binde, sbaccellare, enthülsen, sballare, auspacken, sbarbare, des Bartes berauben, sbarcare, ausschiffen, sborsare, ausbeuteln, und hundert andere mehr.
   Das t ist dem s sehr nahe verwandt, daher es von vielen auch der halbe Zischer genannt, und von manchen Völkerschaften mit einem gelinden Zischlaute durch die Zähne gesprochen wird. Beyde Mitlauter wechseln daher in allen Sprachen sehr häufig mit einander ab; besonders gebrauchen die Niederdeutschen, und die mit ihnen

[Bd. 3, Sp. 1231]


verwandten Mundarten, in sehr vielen Fällen gern ein t, wo die dem s und sch günstigern Oberdeutschen diese letztern Mitlauter haben. Lassen, Nieders. laten, das, was, Nieders. dat, wat, schleißen, Nieders. sliten, reißen, Nieders. riten, u. s. f. Unser es, Nieders. it, Engl. it, und das Lat. id, sind ursprünglich Ein Wort. R und s, h und s gehen in allen Sprachen gleichfalls oft in einander über, weil die Laute, welche sie bezeichnen, oft nur in den Graden verschieden sind. Ein sanfter Wind wehet, ein stärkerer säuselt, ein noch stärkerer sauset, raset und brauset. So lauten die Griech.υς, λιος, υλ und υδωρ, bey den Lateinern Sus, Sol, Sylva und Sudor; für Zunder sagte man ehedem Hunuer; unser Hase lautet im Schwed. und Engl. Hare; verlieren und verliesen waren ehedem gleichbedeutend, wie köhren und kiefen, was und war.
   2) In der Beugung und Ableitung der Wörter spielet dieser Buchstab eine nicht minder ansehnliche Rolle.
   Er hilft in vielen Hauptwörtern die zweyte einfache Endung des männlichen und ungewissen Geschlechtes bilden; des Mannes, des Hauses, des Trunkes oder Trankes. Bey den eigentlichen Hauptwörtern hat er hier gemeiniglich ein e vor sich, welches aber auch, wenn der Wohlklang es verstattet, weggelassen werden kann und oft wegbleiben muß. Nur die Infinitive, wenn sie als Hauptwörter gebraucht werden, leiden dieses e nicht; des Daseyns, des Wesens, des Essens. Es ist hier, so wie in allen folgenden Fällen, kein leerer willkührlicher Schall, obgleich das hohe Alterthum alle weitere Muthmaßungen verbiethet. Dieses s, welches eigentlich nur für die männlichen Hauptwörter bestimmt ist, bekommen auch die weiblichen eigenthümlichen Nahmen, wenn sie ohne Artikel in de zweyten Endung vor dem regierenden Hauptworte stehen; Marianens Tugend, Luisens Schönheit, Minervens Schild, Hedwigs Geist. So wie es auch in der Zusammensetzung vielen weiblichen Nennwörtern angehänget wird; hülfsbedürftig, Hülfsgelder, der Geburtstag, die Andachtsübung, hoffnungsvoll, anbethungswürdig, Liebesbriefe, Nahrungsmittel, die Frauensperson.
   Im Niederdeutschen bildet es auch in vielen Fällen den Plural ohne Unterschied des Geschlechtes, welchen Plural die Niedersachsen oft mit in die Hochdeutsche Mundart bringen, der er doch fremd ist; die Mädchens, Frauens, Jungens, die Schülers, die Dieners. Es scheinet, daß die heutigen Franzosen, so fern ihre Sprache durch die ehemahligen Franken verändert worden, ihren Plural auf s daher bekommen haben. Im Deutschen pflegt man ihn daher auch oft in solchen Wörtern beyzubehalten, welche zunächst aus dem Französischen entlehnet worden; die Ministers, Generals, Officiers, Grenadiers u. s. f. wofür man doch besser sagt, Minister, Generale, Officier, Grenadier.
   Ferner macht dieses s am Ende der Wörter auch Nebenwörter; allerdings, gleichfalls, theils, rechts, links, unversehens, flugs, erstens, zweytens, drittens, abends, mittags, nachts, montags, dienstags, nächstens, welche nicht selten eine unbestimmte Bedeutung haben, S. -mahls in 6 Mahl. In manchen Wörtern gehet dieses s in st über; einst, dereinst, längst, immittelst, vermittelst. Es scheinet hier aus der Endsylbe -isch zusammen gezogen zu seyn, welche in vielen solcher Wörter in den gemeinen Sprecharten noch deutlich gehöret wird. Auch Opitz sagt noch linkisch für links.
   Von dem sch und st wird noch an seinem Orte etwas gesagt werden.
 
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Sa! ein zur Hurtigkeit, zur Freude aufmunterndes Empfindungswort. Sa! lustig! Sa, sa! geschmauset! Heysa! Hopsa! Es kommt mit dem Französ. ça überein, ohne eben daraus entlehnet

[Bd. 3, Sp. 1232]


zu seyn, weil das s schon an sich ein Ausdruck der schnellen Bewegung ist.
 
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1. Der Saal, S. Adelung Sahl.
 
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2. Der Saal, des -es, plur. die Säle, Dimin. das Sälchen, ein Wort, welches ehedem eine Wohnung, einen Pallast, ein Zimmer u. s. f. bedeutete. 1) * Ein Behältniß, eine Wohnung; eine jetzt veraltete Bedeutung. In dem 1483 zu Augspurg gedruckten Buche der Natur heißt es noch: die heilig junkfrau was ein Arch und ein außerwelter Saal des obersten Gottes. Der Übersetzer Tatians gebraucht das verwandte Selida von den Nestern der Vögel, und bey dem Ulphilas ist saljan wohnen, sich aufhalten. 2) * Ein Haus; ein gleichfalls veraltete Bedeutung, in welcher es in den Salischen und andern alten Gesetzen vorkommt. Mit der Ableitungssylbe de ist Selida in eben dieser Bedeutung bey dem Ottfried und andern alten Schriftstellern sehr häufig. 3) * In engerer Bedeutung, der Hof, der Pallast eines vornehmen Herren; eine gleichfalls ungangbar gewordene Bedeutung, in welcher die Palläste der Fränkischen Könige ehedem häufig Säle genannt wurden. Der Saal zu Ingelheim, zu Goßlar. Amos 9, 6 heißt es noch: Gott bauet seinen Saal im Himmel; und in einem alten Weihnachtsliede: und macht uns Erben in seinem Saal. Daher war Saalmann ehedem ein Hofmann, Saalmeister der Hofmarschall u. s. f. Das Schwed. Sal hat diese Bedeutung gleichfalls. Das Griech. αυλ und Lat. Aula unterscheiden sich bloß durch den Mangel des oft zufälligen Zischlautes, S. Adelung S. 3, und Halle. Bey dem Ulphilas ist Alh ein Tempel. 4) Ein geräumiger Platz vor einem Hause, der Vorhof, ingleichen ein Platz vor den Zimmern eines Hauses oder eines Stockwerkes. Ehud ging den Saal hinaus, Richt. 3, 23; das Vorgemach, Michael. In Niederdeutschland nennet man den Flur im Hause, ehe man in die Zimmer tritt, die Diehle, welches gleichfalls hierher gehöret, weil d und s immer abwechseln. In Meißen und einigen andern Gegenden heißt der Platz vor den Zimmern eines Stockwerkes, aus welchen man in die Zimmer tritt, der Vorsaal, er sey übrigens so klein er wolle. 5) Am gewöhnlichsten ist dieses Wort von einem großen geräumigen Zimmer, welches viele Personen fassen kann, und welches nach Verschiedenheit seiner Bestimmung allerley Beysätze bekommt. Der Eß- oder Speisesaal, der Tanzsaal, Bildersaal, Concert-Saal, Hochzeitsaal, Rittersaal u. s. f. Französ. Sale, Salon, Ital. Sala, Salone, Salette, Span. Sala, Salon, Pohln. Sala. 6) Im weitesten Verstande wurde es ehedem von den Dichtern in allerley Zusammensetzungen gebraucht, einen jeden Ort von einem beträchtlichen Umfange zu bezeichnen. Der Sternensaal, Freudensaal und so ferner.
   Anm. Die Bedeutung der Ausdehnung in die Weite, des bedeckten hohlen Raumes scheinet in diesem Worte die herrschende zu seyn, obgleich in der ersten der Begriff der Stille, der Ruhe vorzustechen scheint. 1 Chron. 29, 11 lautet der Plural Saale, der aber im Hochdeutschen völlig ungewöhnlich ist. Ehedem schrieb man dieses Wort durchgängig Sal. Im vorigen Jahrhunderte, als man anfing, die gedehnten Selbstlauter in manchen Fällen durch Zeichen zu unterscheiden, fing man an, es Saal zu schreiben, und diese Schreibart hat sich seitdem beständig erhalten, ungeachtet die Verdoppelung des Vocals das unschicklichste Zeichen der Dehnung ist; daher man auch, wenn das a in ä übergehet, dieses nie gern verdoppelt.
 
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* Der Saalmann, des -es, plur. die -männer, ein veraltetes, oder höchstens nur noch in einigen Gegenden übliches Wort. 1) Von Saal, der Hof, Pallast, war Saalmann ehedem ein Hofmann, Aulicus, wie es in einem alten Vocabulario aus dem 15ten Jahrhunderte ausdrücklich übersetzt wird. 2) So fern Saal das Gerichtshaus, Gericht bedeutete, wurden ehedem in Baiern

[Bd. 3, Sp. 1233]


die Vögte oder Advocati Saalmänner genannt, da denn oft ein jeder Sachwalter, ingleichen ein jeder Bürge diesen Nahmen bekam. Anderer Bedeutungen zu geschweigen.
 
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Der Saame, S. Adelung Same.
 
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Saar, S. Sahr.
 
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Die Saat, plur. die -en, von dem Zeitworte säen. 1) Die Handlung des Säens, Lat. Satio, besonders des Getreides; ohne Plural. Die Zeit der Saat, 3 Mos. 26, 5; die Saatzeit. Zur Saat ackern oder pflügen, einen Acker das letzte Mahl vor dem Säen pflügen, S. Adelung Saatfurchen. Die Saat vornehmen. Die Saat ist geschehen. Wir sind in der Saat, wir sind mit dem Säen des Getreides beschäftiget. Das Saatkorn, der Saatrocken, die Saatgerste, die Saaterbsen, welche gesäet werden sollen; wofür man im Hochdeutschen und in der anständigern Sprechart auch sagt Samenkorn, Samenrocken u. s. f. 2) Derjenige Same, welcher gesäet wird, besonders von dem zum Säen bestimmten Getreide; am häufigsten in den Zusammensetzungen Aussaat, Einsaat, Frühsaat, Sommersaat, Wintersaat u. s. f. wo der Plural nur von mehrern Arten gebraucht wird. Es ist in dieser Bedeutung im Niedersächs. am üblichsten; im Hochdeutschen gebraucht man auch hier das Wort Samen.
   Hoffnungsvoll verwes't die Saat
   Auf den Tag der Ernte; ein falscher Gedanke nach der übel verstandenen Stelle, 1 Cor. 15, 36, weil der ausgestreute Same in der Erde nicht verweset, sondern nur entwickelt wird. 3) Das aus dem Samen hervor gewachsene und noch auf dem Halme stehende Getreide; Lat. Satum. Das Einkommen deiner Saat, 5 Mos. 14, 32. Wenn du in die Saat deines Nächsten gehest, so magst du mit der Hand Ähren abrupfen, Kap. 23, 25. Von eurer Saat und Weinbergen wird er den Zehenten nehmen, 1 Sam. 8, 15. Im Hochdeutschen ist es in dieser Bedeutung nicht üblich, wo man es in der Landwirthschaft nur noch von dem jungen Getreide gebraucht, ehe es schosset. Die Saat stehet schȫn, schosset. Schön ists, wie die grüne Saat dort über das Feld hin die zarten Spitzen aus dem Schnee empor hebt, Geßn. Auf Saaten, die des Rosses Huf zertreten, Raml. Auch hier findet der Plural nur von mehrern Arten Statt. 4) In einigen Gegenden ist es auch ein Feldmaß, vermuthlich so viel Land, als man auf Ein Mahl, oder in Einem Gange zu besäen pflegt. So ist im Eiderstädtischen eine Saat ein Stück Feldes von 36 Quadrat-Ruthen. Sechs Saat machen ein Demat, und 360 Saat einen Pflug. Der Plural bleibt hier, so wie bey so vielen andern Wörtern dieser Art, unverändert.
   Anm. Bey dem Ottfried Sat, im Tatian Sati und Sata, im Nieders. Saad und Saat, im Angels. Saed, im Engl. Seed, im Isländ. Säde, im Schwed. Säd; alle von einem jeden Samen; Nieders. Kohlsaat, Rübesaat u. s. f. Im Hochdeutschen gebraucht man es nur von dem Getreide, für das gleichfalls übliche Samen. S. Adelung Säen. In einigen Oberdeutschen Gegenden ist es weiblichen Geschlechtes, die Saate. Die Saate gehet auf, Opitz. Die Saate soll hernach, wo Pergamus war, stehn, ebend. Des Cadmus Saate kann dir meine Macht bewähren, Lohenst. Die Alten schrieben in diesem Worte nur ein einfaches a, Sat, Ottfr. Erst in den neuern Zeiten hat man angefangen, ein doppeltes zu schreiben, ob es gleich besser gewesen wäre, man hätte hier nichts geändert. Schreibt man doch That, Bad, Rath, Pfad u. s. f. ohne daß das a Gefahr liefe, kurz ausgesprochen zu werden.
 
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Die Saatbohne, plur. die -n, Bohnen, welche man säen oder pflanzen will; Samenbohnen. So auch Saaterbsen, Saatgerste, Saathafer, Saatkorn, Saatlinsen u. s. f.

[Bd. 3, Sp. 1234]



 
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Das Saatfêld, des -es, plur. die -er, in der Landwirthschaft, ein bestelltes und besäetes Feld; zum Unterschiede von einem Brachfelde.
 
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Saatfurchen, verb. reg. act. eben daselbst, das letzte Mahl pflügen, worauf sogleich gesäet wird. Daher das Saatfurchen, im Meklenburg die Saatfahre, wo jedes Pflügen eine Fahre heißt. S. Adelung Ackern.