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bis Labkuchen (Bd. 2, Sp. 1853 bis 1855)
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Artikelverweis  L, der zwölfte Buchstab des Deutschen Alphabetes, welcher der zweyte unter den Zungenbuchstaben ist, und entstehet, wenn unter der Ausstoßung des Hauches der vordere Theil der Zunge an die obere Reihe Zähne geleget wird. Er ist zugleich der erste unter den so genannten flüssigen Buchstaben, welche von andern Halblaute genannt werden. Daß er als ein solcher, wenn er am Ende einer Sylbe einfach stehet, und folglich einen gedehnten Selbstlaut vor sich hat, oft noch ein h annimmt, ist schon bey diesem Buchstaben bemerket worden. S. Adelung H 2.
   L und r, zwey sehr nahe verwandte Buchstaben, werden in allen Sprachen sehr häufig mit einander verwechselt; eine Anmerkung, welche bey der Ableitung der Wörter nicht aus den Augen gesetzet werden darf. So sagen die Franzosen für Ulmus, Orme, die Italiäner, Franzosen und Deutsche für Peregrinus, Pelegrino, Pelerin, Pilgrim, die mittlern Lateiner für Herberge, Alberga, die Deutschen für Prunum, Pflaume, die Schweizer für Kirche, Kilche u. s. f. Ja selbst im Hochdeutschen werden von einigen Balbier und Barbier, Brocken und Blocksberg, Schrittschuhe und Schlittschuhe, Masern und Maseln u. s. f. fast ohne Unterschied gebraucht. S. auch die Endsylben -el und -er, welche sehr häufig für einander gesetzt werden. Es gibt Personen, ja ganze Völkerschaften, welchen das r auszusprechen unmöglich ist, und diese pflegen alsdann gern ein l an dessen Statt hören zu lassen. S. Lallen.
   Da dieser Buchstab seiner Natur nach sehr leicht auszusprechen ist, so schleicht er sich besonders im Niedersächsischen sehr häufig in manche Wörter ein, ohne daß man einen andern Grund angeben kann, als etwa die Annehmlichkeit der Aussprache. Man sagt daselbst Sadeltied, und zusammen gezogen Saeltied für Sadetied, Saatzeit, Sieldöre, für Sieddöre, Seitenthüre, Schadeltied, Schaeltied, für Schadetied, Leichzeit u. s. f.
 
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Das Lab, des -es, plur. car. 1) Überhaupt alles dasjenige, was einen andern flüssigen Körper gerinnen macht; in welchem Verstande vermuthlich das Gift ehedem in einigen Oberdeutschen Gegenden Luppe genannt wurde, weil man glaubte, daß es das Blut gerinnen mache. 2) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, die sauer gewordene und geronnene Milch in dem vierten Magen junger saugender wiederkäuender Thiere, deren man sich bedienet, andere süße Milch damit zu laben, d. i. gerinnen zu machen, und welche daher auch Käselab genannt wird, Daher Kälberlab, Hasenlab, Ziegenlab, Hirschlab, Lammslab u. s. f. In einigen Gegenden wird daher auch der vierte Magen der wiederkäuenden Thiere, in welchem bey ihren Jungen diese geronnene Milch gefunden wird, das Lab oder der Labmagen genannt, dagegen er bey andern der Magen in der engsten Bedeutung heißt.
   Anm. In den gemeinen Sprecharten Oberdeutschlandes Lyp, Lupp, Luppe, Lüppe, im Niedersächsischen Laff, Lebbe, im Holländ. Lebbe, Libbe, im Dän. Lobe, im Schwed. Löpe. Es hat den Begriff des Gerinnens, Verbindens, dick und hart werdens, und gehöret folglich zu dem Geschlechte der Wörter kleben, Leber, liefern, Leib, laufen, so fern es gerinnen bedeutet u. s. f. Ihre bemerkt aus dem Nonius, daß auch die alten Lateiner lapire für verdicken und hart werden gebrauchten.

[Bd. 2, Sp. 1854]


S. 1. Laben, Leber und Liefern. Im Nieders. heißt die Milch lebbig, oder lebig, wenn sie zu sehr geronnen ist. In den Mundarten ist dieses Wort in einigen Gegenden im männlichen, in andern aber im weiblichen Geschlechte üblich. Im Hochdeutschen ist das ungewisse das gewöhnlichste. Es mit zwey a Laab zu schreiben, ist unnöthig, weil der einfache Endlaut die Länge des vorher gehenden Selbstlautes hinlänglich bezeichnet. Schreibt man doch auch nur Grab, Stab, Brot, Thal u. s. f. Übrigens wird das Lab in der engern Bedeutung in einigen Gegenden Renne, Rinne, Rinnsel, Käserennen, Nieders. Melkrinse, Käsehärte, Rogen, und im Nieders. auch Strämsel, Strammels genannt, von strammen, straff machen.
 
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† Die Labbe, plur. die -n, in den niedrigen Sprecharten, die Lippe, und figürlich der Mund, S. Adelung Flabbe und Lippe.
 
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Der Labberdān, des -es, plur. inus. eingesalzener Kabeljau, zum Unterschiede von dem bloß gedörreten, welcher unter dem Nahmen des Stockfisches bekannt ist. Das Wort ist aus den nördlichen Gegenden zu uns gekommen. Im Holländ. lautet es Abberdaan, im Engl. Haberdine; von der Stadt Aberdeen in Schottland, vermuthlich, weil er ehedem am häufigsten aus derselben verführt wurde.
 
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Labbern, verb. reg. act. et neutr. wo es im letztern Falle das Hülfswort haben bekommt, in den niedrigen Sprecharten, ein langweiliges und albernes Geschwätz machen. S. Adelung Flabbe, Lippe, Klaffen, und Plappern, mit welchen Wörtern es der Abstammung nach verwandt ist.
 
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1. Laben, verb. reg. act. einen flüssigen Körper gerinnen machen, doch am häufigsten in engerer Bedeutung, die Milch vermittelst des Labes gerinnen machen. Die Milch laben. Gelabte Milch. In einigen Gegenden gebraucht man auch das Reciprocum sich laben, anstatt der Zeitwörter liefern, geliefern oder gerinnen. Es stammet von Lab ab, S. dasselbe, ingleichen Lebern.
 
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2. Laben, verb. reg. act. einem in einem hohen Grade entkräfteten oder abgematteten Körper neue Kräfte ertheilen, ihn erquicken. So wohl und am häufigsten, durch Speise und Trank. Einen Hungerigen mit Speise, einen Durstigen mit einem frischen Trunke laben. Sich mit etwas laben. Als auch durch andere Mittel. Einen Kranken laben. Labende Arzeneyen, stärkende, Confortantia. Ingleichen figürlich, einen hohen Grad des Vergnügens erwecken. Ich wollte sein Herz nicht laben, ich wollte ihm das Vergnügen nicht machen. Sich an etwas laben, ein merkliches Vergnügen daraus empfinden. Daher die Labung, so wohl von der Handlung des Labens, als auch von demjenigen, was einen hohen Grad der Kräfte oder des Vergnügens gewähret, in welchem Falle es auch den Plural leidet. S. Labsal.
   Anm. Bey dem Ottfried und im Tatian laban, bey dem Notker, laben, bey welchen auch das nunmehr veraltete Hauptwort Labo, Laba, Labsal, und figürlich, Heil, Wohlfahrt, Seligkeit, vorkommt; im Nieders. laven, bey dem Ulphilas hleibjan. Entweder als das Activum von dem Neutro leben, vivere, daß es, so wie erquicken, gleichsam wieder lebendig machen bedeutet; oder auch als das Neutrum von leben, so fern es ehedem und vielleicht im eigentlichsten Verstande essen bedeutete.

[Bd. 2, Sp. 1855]


Thaz heuues lebet, was Heu frisset, heißt es noch im Notker. Laben würde alsdann eigentlich, Speise, Nahrung reichen, bedeuten. S. 1. Leib und Lebkuchen. Im Isländ. bedeutet Lyf, Arzeney, und im Hebr. 05d705dc05e3 erneuen.
 
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Der Laberdan, S. Adelung Labberdan.
 
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Labēt, adv. welches in gewissen Kartenspielen üblich ist, wo labet werden so viel als verlieren bedeutet. Jemanden labet machen, ihn im Spiele überwinden. Figürlich ist labet werden oft so viel als den kürzern ziehen, ermatten, ermüden, in Abfall der Nahrung kommen u. s. f. Es ist aus dem Franz. la Bête verderbt, welches vermuthlich wiederum von dem Nieders. Bote, Buße, d. i. Geldstrafe, abstammet. Es befinden sich in der heutigen Französischen Sprache sehr viele Wörter, welche ihren Ursprung aus dem Niederdeutschen haben.
 
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Das Labkraut, des -es, plur. inus. eine Pflanze, welche in Europa wild wächset, und deren Blätter die Milch laben, d. i. gerinnen, machen, daher man selbige auch an einigen Orten anstatt des Labes gebraucht; Galium verum L. Waldstroh, Unser Frauen Bettstroh, Meierkraut. Den Lateinischen Nahmen Galium oder Gallium hat es von eben dieser Wirkung, S. Adelung Gallerte. In weiterer Bedeutung wird auch wohl das ganze Geschlecht, zu welchem diese Pflanze gehöret, mit diesem Nahmen belegt, da denn auch der Plural üblich ist.
 
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Der Labkuchen, S. Adelung Lebkuchen.