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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
leier bis leierkasten (Bd. 12, Sp. 682 bis 685)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) leier, f. lyra.
1) mit dem namen der griech. λύρα, lat. lyra benannte die ältere sprache zwei seiteninstrumente.
a) eins, die fortsetzung der antiken lyra, mit mehr oder weniger ähnlicher form und einem bezug von drei bis zu acht seiten (abgebildet bei Lacroix, les arts au moyen age, Paris 1871 s. 215 nach einem mscr. des 9. jahrh.):

sih thâr ouh al rûarit,thaʒ organa fuarit,
lîra joh fidula,joh managfaltu suegala,
harpha joh rotta.
Otfrid 5, 23, 198;

dîn lop die sîren
und die lîren,
harpfen, rotten, kunden niht
volbringen. minnes. 1, 86a Hagen;

ir vingere die kunden,
swenne sis begunden,
die lîren wol gerüeren,
und ûf der harphen vüeren
die dœne mit gewalte. Trist. 201, 37;

ir lîren und ir harphen spil
sluoc si ze beiden wenden
mit harmblanken henden
ze lobelîchem prîse. 203, 20.

dies instrument ist schon im 13. jahrh. zu gunsten anderer, die sich aus ihm entwickelt, ganz auszer praktischem gebrauch gekommen, indes bleibt es als tonwerkzeug des alterthums im gedächtnis: von derlai holz macht Salomôn .. harpfen und leiren den sangmaistern in dem tempel. Megenberg 349, 4; die ain (Sirene) sang mit menschlicher stymm. die ander auf pfeifen. die dritt macht auf der leyrn. Keisersberg schiff der pen. 69b;

wîs gegrüeʒet, Dâvîdes lîre! Mariengrüsze in Haupts zeitschr. 8, 282, 213.


b) ein anderes, früh mittellat. organistrum, von guitarrenartiger form, dessen seiten mittels eines rades gerührt wurden, welches eine kurbel in drehung setzte; eine erfindung vielleicht erst des 9. jahrh. (abbildungen bei Lacroix a. a. o. s. 219, 9. jh., s. 199, 11. jh., s. 201, 15. jh., auf beiden letzteren als concertinstrument mit andern); lira, leyr, est instrumentum musicum quod habet in alveo vasis cordas et per rottulam de suptus vertibulo girante tactas in pulso clavorum proporcionabiliter distantium consonantium variantes. Dief. nov. gloss. 237a (von 1468); dieses instrument hält sich namentlich in bauren- und vagantenkreisen durch das ganze mittelalter als höchst beliebtes und ist selbst heute unter dem namen baurenleier, deutsche leier noch nicht ganz vergessen: aus tänneim holz werdent niht guot päuch zuo saitenspil, sam zuo fideln, zuo leirn und zuo andern dingen. Megenberg 314, 20; darum musz man Paulum daselbst also verstehn, dasz sein text mit vorgemelten lobgesangen der h. kirchen uberein stimme, wie der betlerdanz auf krucken zur gebrochen leiren. Fischart bienk. 179b; ich machte vielmehr mit allerhand bettlern und landstörzern gute bekand- und cammeradschaft,

[Bd. 12, Sp. 683]


vornemlich mit einem blinden, der viel bresthafte kinder und gleichwol unter denselbigen eine einzige gerade tochter hatte, die auf der leyer spielte, und nicht allein sich selbst damit ernährete, sondern noch geld zuruck legte. Simpl. 3, 259 Kurz; überkam ich eine discant geige ihr zugefallen, und half ihr beides, vor den thüren und auf den jahrmärken, baurentänzen und kirchweyhen in ihre leyer spielen. 260; liesze sich unversehens bei den spielleuten auch eine leyr hören .. die erste die ausrissen, waren die spielleut selbst, als welche das geschnarr zunechst bei ihnen gehöret und doch niemand gesehen hatten. 269; giengen in das hausz, und wie sie in die stube kamen, sahen sie ein weib, die auf einer leyer schlug und allerhand possen angab, so kunte sie auch aus der tasche spielen. med. maulaffe 171;

die wib mit den liren
land die iren selten firen
und machend den andren tanz. teufels netz 12028;

Egkereich sol ain leirn han,
Schürzenesl sol die truml schlan,
Götz und Panz
sollen machen den tanz. fastn. sp. 446, 3.


c) leier, heiszt selten auch eine drehorgel, sonst leierkasten (s. d.): drehorgeln sind leyern, vögel abzurichten. Jacobsson 5, 410a; niederd. lîr, leier, drehorgel Danneil 127b.
2) sprichwörtlich, an das unter 1, b erwähnte instrument angeschlossen: muste aber den mantel nach dem wind hängen, meine leyre anders stimmen. Simpl. 2, 96 Kurz; häufig, nach der beschränkten tonfähigkeit des instruments, die den vortrag nur weniger einfacher stücke erlaubt, die redensart die alte leier, immer dieselbe leier für etwas eintönig wiederholtes: was altfränkisch und der alten welt, mag niemand, es komm dann veraltet in einem cirkel wider her umb, das wider new werde, sonst spricht man bald: es ist ein alte leir, ein versungen liedlin. Frank spr. 2, 7a; auf einer leire bleiben, chorda oberrare eadem. Stieler 1141; ein altmodischer schriftsteller bleibt bei seiner leyer und einfalt. Schönaich ästhet. in einer nusz 242; Chrysander hat seinen sohn wieder vorgehabt, er bleibt aber auf seiner alten leyer, und will erst in zehn jahren heirathen. K. Lessing schausp. 300; der stolz der königinn streitet unaufhörlich mit dem stolze des Essex .. er soll mich um gnade bitten; ich will sie nicht um gnade bitten: das ist die ewige leyer. G. E. Lessing 7, 110; was soll ich ihnen sagen, dasz ich ihnen abermals so lange nicht geschrieben habe? noch immer die alte leyer: ich bin miszvergnügt. 12, 404; erwarte keine entschuldigung wegen meines langen stillschweigens. du würdest nur die nehmliche leyer hören. 408; immer dieselbe leyer; wenn ich nicht närrisch wäre, könntet ihr mich dazu machen. Lenz 1, 331; ich musz nur ein lustig lied anfangen, dasz er nicht gleich in seine alte leyer einlenken kann. Göthe 11, 7; Johann Baptista Horvath. elementa physicae, Budae 1799. die alte leyer. 54, 186;

doch die alte leyer wieder?
mit einer neuen seite nur bezogen,
die, fürcht ich, weder stimmt noch hält.
Lessing 2, 318;

Nath. nun habe nur geduld. Daja. geduld?
geduld, ist eure alte leyer nun
wohl nicht? ebenda;

im ersten jahre meiner ehe, da hieng der himmel voller geigen, hernach fielen sie herunter, und wurden lauter leyern daraus (es ward das alltägliche). Günther 1000.
3) leier, als tonwerkzeug des classischen alterthums wieder in erinnerung gebracht: lyra, ein leire, lyricum carmen, ein gedicht oder gesang, das man z der leiren mag singen, wie die ode, Horatij. Dasyp.; er war mit güldenem klaid angethon, ein guldne leyren, ein guldner pfeilköcher hangete ihm an der lenden herab. Schuppius 773; daher in der dichtersprache seit dem 17. jahrhundert als symbol für dichtkunst, gesangeskunst, vgl. dazu auch seitenspiel: dann so wir der fürsten und könig rähte, und alle andere, die allgemeinen geschäften vorgesetzt worden, aufmerksam betrachten, werden fürwar etliche befunden werden, ... welche ein provinz oder kleines städtlein in ein grosze verändern können, aber sie geben schlechte schwöbelpfeifer. hingegen werden andere gar viel befunden, die in der harpfen, leyren, das ist, in hofieren gewaltige künstler sein, aber sie können .. den gemeinen nutzen nicht befürdern. Schuppius 742;

wiewol Apollo mir
mit milden händen reicht die leyer meine ziehr.
Opitz 2, 292;

[Bd. 12, Sp. 684]



dasz ich deines Hymens feyer,
der dir heut ein fest bestellt, ..
zieren soll mit meiner leyer.
P. Fleming 390;

töne, frohe leyer,
töne lust und wein!
töne, sanfte leyer,
töne liebe drein!
Lessing 1, 39;

schweig, leier! hört trompetenklang!
Gleim 4, 17;

mit lied und leyer weck ich dich;
gib acht auf lied und leyer!
Bürger 30b;

unser pokal, geweiht von mädchenlippen,
unsre leier, bekränzt von mädchenhänden,
bleibe, bis Elysium winkt, den keuschen göttinnen heilig.
Matthisson ged. (1794) 46;

und, gleich des waldes erstem frühlingslaut,
ertönt die lang vergeszne leier wieder. 54;

höre den rath, den die leyer tönt.
Göthe 5, 65;

sie sende mich, müh und gefahr und ruhm
in fernen landen aufzusuchen, reiche
im stillen hain die goldne leyer mir. 9, 149;

was mich sonst entzückte,
der leyer klang, der töne süszes licht. 13, 266;

himmlisch und unsterblich war das feuer,
das in Pindars stolzen hymnen flosz,
niederströmte in Arions leier,
in den stein des Phidias sich ergosz.
Schiller götter Griechenlands, 1. bearbeitung;

Apoll zerbricht die goldne leier. poesie des lebens;

man legt zu ihm (dem todten sänger) in schmucken rollen
die letzten lieder, die er sang;
die leier, die so hell erschollen,
liegt ihm in armen, sonder klang.
Uhland ged. 243;

ich war in meinen tagen
ein dichter, weitgenannt;
ich habe frisch geschlagen
die leier durch das land.
Freiligrath dicht. 2, 193.


4) nach der drehvorrichtung der leier 1, b führen verschiedene andere geräte diesen namen.
a) die mit einer kurbel versehene winde an der armbrust. Jacobsson 2, 606a; stroba, leyr, armprostwinde Dief. 521b.
b) leier bei den bortenwirkern, ein stock mit einem beweglichen querholze, die kette zu borten und bändern von dem schweifrahmen, oder auf die aufschweifspulen aufzuwickeln.
c) leier, bratenleier, in den küchen eine maschine, mehrere spiesze zugleich vermittelst einer einzigen kurbel umzudrehen.
d) leier, brustleier (theil 2, 450) ein bohrer der an einem krummen holz oder eisen umgedreht wird, und auf dessen obern theil man mit der brust drückt; auch draufbohr.
e) leier, leierwerk, ziehscheibe zum drahtziehen. Karmarsch 1, 197.
f) leier an einem brunnen ein rad, vermittelst dessen umdrehung der eimer in den brunnen und heraufgewunden wird.
g) leier, in der Schweiz eine art butterfasz, welches mit einer handhabe zwischen zwei hölzern umgedrehet wird. Jacobsson a. a. o.; in schweiz. form die lyre, kurbel sowol, als ein butterfasz, das an einer kurbel herumgedrehet wird. Stalder 2, 174.
h) leier, das mit löchern versehene, in der gestalt einer schiene krumme holz an einem pflug, welches von der pflugzunge bis zum pfluggestell geht, und vermittelst dessen der pflug gestellt werden kann.
i) bei den vogelstellern ist leier, auch leuer, leure, eine mit leimruten besteckte walze, welche auf pfählen geht und sich um und um dreht, zum fange von meisen.
k) die jäger nennen leier den schwanz der sauen, nach der ähnlichkeit mit einer kurbel.
5) leier, lyra, ein nördliches gestirn unter dem kopf des drachens, zwischen dem Hercule und dem schwan. mathem. lex. (1747) 1, 800; leir etiam est astrum novem stellis constans, lyra Orphei et falco dictum. Stieler 1141;

so hooch, wo über uns der leyer sternen klimmen.
Fleming 58;

jetzo wandte die leyer mit ihren lichtesten sternen
gegen die lichtesten sich des altars.
Klopstock 6, 218.


6) leier, ein meerfisch, callionymus lyra. Nemnich 1, 759.
 
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leier, interjectionell in verbindung mit lirum larum (s. d.):

trallyrum larum höre mich!
trallyrum larum leyer!
Bürger 119a.


 
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leier, m. tresterwein, verderbt aus leuer, nebenform zu lauer (sp. 303): item ob man auch wol mesz mit essig, oder leier, oder most, oder auch mit bier halten möge. Fischart bienk. 88b; leyern nachwein zum haustrunk Schm. 1, 1499 Fromm. (aus einer wirzburg. verordnung von 1751); schwäb. leire, leier, trank von trester oder zwetschgen Schmid 352.

[Bd. 12, Sp. 685]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) leierapfel, m. malum loracinum, ein kleiner, platter, rother, süszer apfel, angenehm von geschmack. Nemnich.
 
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leierbrunnen, m. brunnen, aus dem das wasser vermittelst einer leier (4, f) heraufgebracht wird.
 
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leierer, leirer, m.
1) der die leier spielt: liricen, leyrer, leyerer, lyrer Dief. 333a; in edlem sinne: ein gter leyrer oder harpfenist, scitus lyrae Maaler 270d; lyrer, fidicen lyrae, lyricen 277b;

und wenn der schöne leyrer glaubt (Apoll ist gemeint).
Hagedorn 2, 10;

was lächelst du so bittlich her, mein theurer (mond)?
willst du vielleicht so was von sing und sang?
ganz recht! wofür auch wär ich sonst der leyrer,
des saitenspiel bisher — so so! — noch klang?
Bürger 55a;

aber auch ohne solchen, herumziehender spielmann (vgl. leier 1, b), selbst wenn er nicht gerade die leier spielt:

ein leirer steht am thor,
der singt zu seiner zitter
ein lied den leuten vor.
Freiligrath dicht. 3, 76;

sie genieszen eines schlechten rufes: landfahrer, leyrer, spielleute, Jacobsbrüder, riffiane und gardknechte werden in der tirol. landesordnung von 1573 in éine reihe gestellt Schmid schwäb. wb. 433; zusammengenannt werden auch schwäbische blinde leyrer, burgundische trümleinschlager. Fischart groszm. 88.
2) im gemeinen leben von einem faulen, nur zögernd und energielos arbeitenden menschen: er ist ein alter leierer. vgl. dazu das verbum leiern.
 
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leierergesindel, n.: derowegen liesze ich mich und sie ein wenig besser kleiden, nemlich auf die mode, wie leyrergesindel aufzuziehen pflegt. Simpl. 3, 263 Kurz.
 
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leiererin, leierin, leirerin, f. leierspielerin: liricina lirerin, leirerin, leyerinne Dief. 333a; zum fahrenden volke gehörig: badryberin, unstedt wyb, lyrerin, mulier vaga et vilis Frisch 1, 48b (aus Altenstaigs vocab.); klosterwäscherin, leyrerin, sträubleinbacherin. Fischart groszm. 83; unsere hochzeit wurde auf einem jahrmarkt begangen, da sich allerhand landstörzer von guten bekandten beifanden, als pupaper, seiltänzer, taschenspieler, zeitungssinger, haftenmacher, scheerenschleifer, spengler, leyrerinnen, meisterbettler, spitzbuben, und was des ehrbaren gesindels mehr ist. Simpl. 3, 261 Kurz (das. das wort noch mehrfach); leirerinn, fidicina, ambubaja Stieler 1142;

es solt och die lirerin
ir aller gespil sin,
und ain tanz machen. teufels netz 12062.


 
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leierförmig, adj. lyratus Nemnich 3, 481, ausdruck der pflanzenlehre von blättern entsprechender gestalt.
 
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leierfrau, f. leierspielerin: eine leyer-frau, mulier, quae lyra cantat. Frisch 1, 610b.
 
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leierkasten, m. drehorgel: einen leierkasten drehen. Beckers weltg. 10, 215; als drauszen vor der thür der kammer ein leierkasten erklang. Immermann Münchh. 3, 6; da wallte und wogte alles im sonntagsputze ... zwischen den lichten häusern und wandernden leierkasten schwärmend hin und zurück. Eichendorff a. d. leb. eines taugenichts (1874) s. 11.